- Warum Demokratie Orte der Begegnung braucht
Immer mehr Freiheit – und trotzdem mehr Einsamkeit? Warum eine Gesellschaft nicht allein vom „Ich“ leben kann und Demokratie Orte braucht, an denen Menschen einander begegnen. Ein Beitrag über Individualisierung, Zusammenhalt und die Bedeutung von Vereinen, Kirchen und Initiativen in Ostprignitz-Ruppin.
Von macron
Wir leben in einer Zeit großer Freiheit. Noch nie hatten Menschen so viele Möglichkeiten, ihr Leben selbst zu gestalten. Beruf, Wohnort, Lebensmodell, persönliche Interessen – vieles, was früher durch Herkunft, Tradition oder gesellschaftliche Erwartungen vorgegeben war, ist heute offen. Das ist eine große Errungenschaft. Doch Freiheit verändert auch eine Gesellschaft. Denn dort, wo alte Bindungen schwächer werden, entsteht nicht automatisch neue Gemeinschaft. Was bleibt, ist häufig der einzelne Mensch mit der Aufgabe, sein Leben möglichst erfolgreich selbst zu organisieren.
Seit den 1980er Jahren setzte sich zunehmend ein Denken durch, das nicht nur die Wirtschaft, sondern auch unser gesellschaftliches Zusammenleben geprägt hat. Der Markt wurde mehr und mehr zum Vorbild: Wettbewerb, Effizienz, Selbstverantwortung und ständige Optimierung wurden zu bestimmenden Begriffen.Der Mensch wurde immer stärker zum „Unternehmer seiner selbst“. Wer erfolgreich ist, hat offenbar alles richtig gemacht. Wer scheitert, bekommt schnell das Gefühl, persönlich versagt zu haben. Dabei geraten die Bedingungen, unter denen Menschen leben, leicht aus dem Blick: Herkunft, Bildung, Einkommen, Gesundheit oder schlicht die Frage, ob es Menschen gibt, die einen auffangen. Der Soziologe Ulrich Beck beschrieb diesen Prozess als Individualisierung. Menschen wurden aus traditionellen Zusammenhängen gelöst. Familie, Vereine, Gewerkschaften, Kirchen oder Nachbarschaften verloren einen Teil ihrer früheren Bindekraft.
Mehr Freiheit bedeutete damit zugleich: mehr Verantwortung für den Einzelnen.
Effizienz, Selbstverantwortung und ständige Optimierung als bestimmende Begriffe gesellschaftlichen Handels
Bild von StockSnap auf PixabayDie Folgen spüren viele Menschen heute. Während die moderne Gesellschaft einerseits hohe Anforderungen stellt – flexibel sein, leistungsfähig bleiben, sich ständig anpassen –, verspricht die Konsumwelt auf der anderen Seite Entlastung: Belohne dich. Verwirkliche dich. Stelle deine Bedürfnisse in den Mittelpunkt. Aus Selbstbestimmung kann so schleichend Selbstbezogenheit werden.
Der Politikwissenschaftler Andreas Püttmann greift diesen Gedanken in seinem Beitrag „Rechtspopulismus: Eine Bewegung von Narzissten“ auf. Seine These: Der Erfolg rechtspopulistischer Bewegungen habe nicht nur politische Ursachen, sondern auch kulturelle. Eine Gesellschaft, in der das eigene Empfinden immer stärker zum Maßstab werde, verliere leichter den Blick für gemeinsame Verantwortung. Diese Diagnose ist unbequem. Denn sie betrifft nicht nur bestimmte politische Gruppen. Die Frage nach dem Verhältnis von „Ich“ und „Wir“ stellt sich für die gesamte Gesellschaft. Auch soziale Medien haben daran ihren Anteil. Sie belohnen Aufmerksamkeit, Zuspitzung und Empörung. Wer laut ist, wird eher wahrgenommen. Wer vermittelt, zuhört oder abwägt, geht oft unter.

Discussion (Tony Cragg /Skulpturenpark Waldfrieden)
Foto:macronDemokratie funktioniert jedoch nach einer anderen Logik. Sie lebt nicht davon, dass jeder seinen eigenen Anspruch möglichst kompromisslos durchsetzt. Sie lebt davon, dass Menschen andere Perspektiven gelten lassen, Kompromisse akzeptieren und anerkennen, dass Gemeinwohl mehr ist als die Summe einzelner Interessen.
Genau an dieser Stelle setzt der Soziologe Hartmut Rosa mit seinem Gedanken an, dass Demokratie Religion brauche.Rosa meint damit nicht, dass der Staat religiös werden soll. Es geht ihm nicht um mehr kirchlichen Einfluss auf Politik. Vielmehr stellt er eine grundsätzliche Frage: Wo gibt es heute noch Orte, an denen Menschen erfahren, dass nicht alles verfügbar, messbar und verwertbar sein muss? Rosa nennt solche Erfahrungen „Resonanz“. Gemeint sind Momente, in denen Menschen nicht nur funktionieren oder konkurrieren, sondern sich berühren lassen – von anderen Menschen, von Musik, von Natur, von gemeinsamen Erfahrungen oder auch von Glauben.

Kirche als Raum der Begegnung und des Zuhörens
Foto: VHSKirchen waren über Jahrhunderte solche Orte. Nicht nur Orte des Gottesdienstes, sondern Räume der Begegnung, des Zuhörens und manchmal auch des Widerspruchs. Gerade Ostdeutschland zeigt dabei ein interessantes Spannungsfeld. Kaum eine Region Europas ist so stark säkularisiert. Viele Menschen gehören keiner Kirche mehr an. Gleichzeitig spielten Kirchen in entscheidenden historischen Momenten eine besondere gesellschaftliche Rolle. Während der Friedlichen Revolution 1989 waren sie Schutzräume, in denen Menschen zusammenkamen, diskutierten und Verantwortung übernahmen. Ihre Bedeutung entstand nicht aus gesellschaftlicher Macht, sondern daraus, dass sie Räume öffneten.
Heute stellt sich die Frage neu: Welche Orte übernehmen diese Aufgabe? Denn wenn Vereine verschwinden, Begegnungsorte schließen und Menschen sich immer stärker in private oder digitale Welten zurückziehen, geht mehr verloren als Freizeitangebote. Es verschwinden Räume, in denen Menschen lernen, miteinander auszukommen. Gerade im ländlichen Raum entscheidet sich daran viel.
Auch in Ostprignitz-Ruppin erleben wir beides: Rückzug, Frustration und Misstrauen – aber ebenso Menschen, die Kultur organisieren, Nachbarn unterstützen, Feuerwehrdienste übernehmen, Vereine am Leben halten, Kirchen öffnen oder sich für Demokratie engagieren. Vielleicht liegt genau hier eine Antwort auf die wachsende Spaltung. Nicht jeder Konflikt braucht sofort eine politische Schlacht. Manchmal braucht es zunächst Orte, an denen Menschen einander wieder begegnen können. Nicht als Gegner. Nicht als Konkurrenten. Sondern als Nachbarn.
Denn Demokratie beginnt nicht erst im Bundestag oder Kreistag. Sie beginnt dort, wo Menschen bereit sind, neben dem eigenen Ich auch wieder ein gemeinsames Wir zu sehen.
- Glosse: „ER 2026” – Riesiges Interesse, großartige Preise, einfach ein Meisterstück!
Fünf Euro für ein elektrisiertes Zweirad, das über 3000 Euro kosten soll im Handel, das verlockt. Kein Wunder, dass die 5555 Glückstickets für das sogenannte Entenrennen gut weggingen. Außerdem galt die Aktion ja primär einem guten Zweck – der Unterstützung von Jugendarbeit. Das Hauptlob aber erarbeiteten sich die beiden Moderatoren. Denn wo fast nichts passiert, mussten sie kommentieren, als gäbe es eine hochspannende Entwicklung. Eine Meisterleistung!
Von Volkmar Heuer-Strathmann
Auf dem Weg zum Bollwerk fällt ein Enterich auf. Er putzt sich noch. Ob’s dann Richtung Rennstrecke geht? Die gelben Enten beeindrucken? Und die schönste Grazie bezirzen?
Das böse diskriminierende Wort von der lahmen Ente fand 2026 zum 5. Mal seine Beglaubigung. Sie können nichts, sie machen nichts, sie werden getrieben und lassen sich treiben. Gut, sie sind wiederverwendbar. Der Ruppiner See ist für seine Länge bekannt. Da wäre mehr möglich. Das könnte Tage lang so gehen. Aber noch belässt man es bei der Kurzstrecke am Bollwerk. Für den fehlenden Wind sind höhere Mächte verantwortlich.
Der entscheidende Moment – danach nur noch Antriebsarmut. Frank Matthus hat sich unters Volk gemischt. Seine markante Stimme ist überall gut hörbar. Jörg Klugow steht hübsch mutterseelenallein wie ein gemiedenes “hässliches Entlein” auf der Bühne. Und das als Präsident. Als Repräsentant des Rotary Clubs. Doch die Schmach kann locker weggeredet werden. Im Ferngespräch fällt den Moderatoren mancher Scherz ein. Etwa über “Ente Nummer 5556 als Erstplatzierte!” Matthus beobachtet tatsächlich, also angeblich, ein plötzliches Vorpreschen, als wär’s die Tour de France oder gleich Formel Eins. “Verstappen nicht zu stoppen!” Leider kann der gut gelaunte Entertainerich keine Nummern erkennen. Und er dürfte sie nach einer spontanen Abtauchaktion sicher auch nicht nennen. Die behutsam bewegten Plaste& Elastetypen schwimmen ganz ohne Geschnatter und Geschnäbel auf dem Rechtsweg. Gebissen wird nicht! Einfach süß! Und sicher auch 2027 ohne Zuckersteuer.

Glücksboten in ihrem Element: Jörg Klugow, Frank Matthus und Nico Ruhle. Gut, dass in den Tagen der Pressefreiheit heute “Tag des Lokaljournalismus” ist. Ein Nachruf? Nein, eine kleine vorsichtig tastende Glosse wagen. Und pressionsfrei fragen, wo die vier Landratskandidaten waren. Einer soll irgendwo gesehen worden sein. Bürgermeister Nico Ruhle indessen durfte mitmachen beim Ansagen der Glücksnummern. Alles natürlich streng unpolitisch. Kein Wort Richtung Berlin und Buenos Aires, als es um den Gewinn einer Kettensäge geht. Marke “Milei”? Stichwort Gesundheitssystem? Nun in Kinderhand. Aber nur kurz, sorgebedingt. Das lahme Fahrrad stand noch lange da. Es wirkte gelangweilt. Serientyp. Anders der Kaffeeautomat, also der Karton. Der will beglücken. Und so weiter…
Insgesamt hatten sich Spender und Sponsoren 120fach großzügig gezeigt. Das ist in der Tat großartig. Alles Weitere, alles Wundersame, das ganze Glück im Netz. Wie gut die beiden Wortemacher drauf waren, zeigte die Antwort auf die Frage, wie oft man von einem 500-Euro-Entenschein Essen gehen kann. Pekingente? Nein. Der Herr Präsident: “Als Familie mit Kindern: Na, einmal, denke ich!”
Nach der Preisausgabe: das Leben geht weiter, auch ohne Glückslos…
Foto: VHSDass auch die Lottozahlen fürderhin durch eine Art Wasserbad gefunden werden sollen – die Zahlen als Wasserzeichen unlesbar gemacht für Fernsehaugen und alles acht Stunden lang live übertragen bei GlücksTV wie Hauptwaschgang, ist sicher wieder eine dieser Presseenten. Und dass Donald Trump seine Militärwasserschläge vorher wie Entenbad a la Hormus durchzuspielen pflegt, ebenfalls. Es lebe die Pressefreiheit – nicht ducken! Mehr Wasserwortspiele! Und immer wie Sonntag: Eintritt frei, nicht nur zum Enteneinerlei!
- 9 Uhr 30 – Stadtcafé
Eine Begegnung mit Volkmar Heuer-Strathmann – kurz: VHS
Hier sitzt er oft: Volkmar Heuer-Strathmann. Mit einer Tasse Kaffee – und einem offenen Ohr für alles, was Neuruppin bewegt. Gespräche über Kultur, Geschichte, Alltag und das Leben selbst entstehen ganz nebenbei.
Wer sich dazusetzt, nimmt meist mehr mit als nur einen guten Kaffee.Von: Otto Wynen
Ein Geheimnis werden wir nicht lüften können – weil es ja kein Geheimnis ist, dass Volkmar Heuer-Strathmann gerne in den Morgenstunden eine Tasse Kaffee trinkt. Und wer Lust hat, sich dazuzusetzen, würde bestimmt nicht abgewiesen. Ganz im Gegenteil. Allein in diesem Stündchen geselligen Plauderns über Gott und die Welt und nicht zu vergessen Neuruppin hat VHS sich einen Einblick in das Leben und die Geschichte Neuruppins verschafft, den andere nicht in vielen Jahren gewinnen. Man muss eben neugierig sein. Unaufdringlich neugierig. Vielleicht auch weniger neugierig als hellhörig. Ein guter Zuhörer also. Und das ist der – jetzt muss es endlich gesagt werden – „langhaarige“ Kaffeetrinker. Manch einer hatte ihn hier und da schon mit der grünen Legende Wolfgang Freese verwechselt. Aber man muss gar nicht so genau hinschauen, um den Unterschied deutlich zu sehen. Trotzdem haben sie tatsächlich etwas gemeinsam: Sie sind, sie waren muss es richtiger heißen, beide Lehrer. Und nicht nur das: Sie waren beide engagierte, leidenschaftliche Lehrer. Und beide sind heute Rentner.
Aber wir wollten über Volkmar Heuer-Strathmann sprechen: Politiklehrer war er und Deutschlehrer und Lehrer für Darstellendes Spiel. Dem Theater galt und gilt seine ganze oder genauer gesagt: seine halbe Leidenschaft. Zwar inszenierte und inszeniert und schreibt er Theaterstücke, in erster Linie für SchülerInnen, aber nicht nur. Und hier in Neuruppin bahnt sich gerade eine Zusammenarbeit mit den Studenten der hiesigen Hochschule an. Aber die andere Hälfte seiner Leidenschaft gilt dem Journalismus. Seit mindestens vierzig Jahren. Bis heute und vermutlich bis in alle Ewigkeit.
Treten wir nochmal einen Schritt zurück. Wo kommt er denn her, dieser Volkmar Heuer-Strathmann? Fragt man ihn, bekommt man zunächst ein verschmitztes Lächeln und dann eine Antwort wie ein Puzzle-Spiel. Er ist ein wenig durch die deutsche Welt gekommen. Und immer war er in geradezu mythischen Landschaften. Geboren offenbar im Rheinland
Wieso er von dort nach Hannover ging, um dort Politik und Germanistik zu studieren, kann ich leider nicht sagen. Die Universität Hannover aber war, unsere „Wessis“ wissen das vielleicht, eine linke Hochburg. Keine Kaderschmiede wie Bremen, eher das Mekka der kritischen Theorie und kritischer linker Geister.
Wie Volkmar Heuer-Strathmann danach ins Berufsleben überwechselte, entzieht sich wieder meiner Kenntnis, ist vielleicht auch nicht so wichtig. Er wurde Gymnasiallehrer und wollte, selbst als er das Pensionsalter erreicht hatte, nicht von der Schule lassen.
VHS 2020 mit Enkel Levi im Schaumburger Land
Fotos: VHS
Es war ein – für uns alle – glücklicher Zufall, dass seine Tochter mit ihrer Familie vor ein paar Jahren nach Neuruppin zog. Zwei Kinder hat die Familie und weil beide Elternteile berufstätig sind, brauchte es einen helfenden Großvater. Und dies ist die nächste große Leidenschaft, die aller-alleroberste, allergrößte Leidenschaft: die Familie, die Enkelkinder. Mit denen zieht er tagein, tagaus, durch unsere schöne Stadt. Erzählt, spielt, hört zu und genießt.
Immer wieder frage ich mich, wie er das alles schafft: Kinderbetreuung, Kaffee trinken und schreiben, schreiben, schreiben. Seit VHS vor nunmehr zweieinhalb Jahren hier „aufschlug“ wurde er zum „festen Bestandteil“ des Kulturlebens. Ganz gleich, ob Theater, ob Literatur, ob Musik oder Film – es muss schon etwas Außergewöhnliches dazwischenkommen, dass er irgendeine dieser Veranstaltungen versäumt. Bei Aequinox war er wieder mal im Großeinsatz.
Wer einmal einen Text von ihm gelesen hat, könnte schnell süchtig werden. Da bekommt man nicht einfach „runtergekaut“, was es zu sehen oder zu hören gab; mit seinem ganz eigenen Blick, mit seinen Assoziationen und mit wahrlich enzyklopädischem Wissen verwandelt er das Gesehene oder Gehörte in ein ganz eigenes Kunstwerk. In Miniaturen der Neuruppiner Kunstgeschichte. Mit Johann Gottfried Herder und Wilhelm Busch als Gewährsleuten.
Wissen Sie jetzt etwas mehr über Volkmar Heuer-Strathmann?
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