Kunstrosen – nicht nur für eine Opernsaison. Bild von Susana Cipriano Pixabay
Skeptisch schaut Rhenga Rodewill auf dem Foto, das sie selbst in einem beengend wirkenden Raum in der Deutschen Oper Berlin zeigt. Anders Eva Strittmatter – ein Gartenbild der Betagten. Die Bilder beschließen den Band “Zwischenspiel”, der außergewöhnliche Fotografien der aus Hagen stammenden Fotografin und gezielt ausgewählte Gedichte der aus Neuruppin stammenden Lyrikerin zusammenführt. Ein wunderbarer Spaziergang, der Weg durchs Buch, mit dessen Präsentation im Jahr 2010 eine Ausstellung in der Oper einherging.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
Oper lässt an große Inszenierungen denken, insbesondere wenn es um die 1961 fertiggestellte Deutsche Oper im damaligen Westberlin geht. Die Vorgängerin hatte anders ausgesehen. Kein Plattenbau dieser selbstironischen Art. Rhenga Rodewill hatte 2009 die Erlaubnis, in die Tiefe der Opernwelt einzudringen. Es gibt zahlreiche Werkstattbilder. Schwarz-Weiß wäre eine ungenaue Bezeichnung. Die Fotos wirken im Buch wie gealtert, liegen geblieben. Und dabei sehr aussagekräftig. Atmosphäre wird aufgespürt. Ohne eine einzige Menschenseele.
Aus elf Lyrikbänden von Eva Strittmatter wurden Gedichte ausgewählt. Von ihr? Vermutlich. Und in Kenntnis der Motive. Sonst hätten Kettenfoto und “Ketten”-Verse 2010 kaum zueinander gefunden. Im Januar 2011 verstarb Eva Strittmatter. Der Band “Zwischenspiel” zeigt, was man in Neuruppin verpassen würde, wenn man sich nicht um eine Ausstellung kümmerte, spätestens zum 100. Geburtstag. Rodewill lebt in Berlin. Das Buch “Eva Strittmatter – Spuren” muss man ihr nicht nachtragen.

Von Bundesarchiv, Bild 146-1998-011-02 / Frankl / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5483652
“Die eine Rose” von Eva Strittmatter steht am Anfang – “aufgeblüht aus dem Traum”. Die abgebildeten Rosen sind von ewiger Haltbarkeit. “Welt” bildet den Ausklang. “Und immer ist da, wo ich bin, die Welt”, ist das lyrische Ich zu vernehmen. Dass der Weg in den Westen ihr lange versperrt war, wird 2010 im Begleitbrief nicht ganz unterschlagen. Aber Unter den Linden gab es ja große Oper. Auch “Carmen”? Hier steht “Sie” daneben, jene Verse, die der Poesie gelten, ihr, der “launischen Tochter der Logik”. Ein Bild vom Bühnenaufbau zur Oper “Tosca” führt zu den “Requisiten des Glücks”. Im Jahr vor dem Mauerfall veröffentlicht Strittmatter Worte, die wirken, als hätte sie geahnt, was kommt: “Auf der leeren Bühne, im grellen Licht. Und auch das Rollenbuch fortgenommen!” Dabei geht es eigentlich “nur” um das Alter und das Altern. Erwin, längst moralisch entkleidet, ist 76, doch sie scheint nur sich zu meinen, wenn sie mit seinen Augen bilanziert: “Alter ist hässlich.”
“Mode” steht neben dem Bild, das den Blick auf lange Damenkleider freigibt. Prosaisch beginnen die Verse: “Zum Beispiel widerstrebt es mir, / Geld an Kleidung zu verschwenden…” Das Gedicht stammt aus dem Jahr 1975. Die Quellenangabe von Rodewill suggeriert, es sei erst 1991 publiziert worden, also nach der von Strittmatter (so) nicht herbeigesehnten Einheit.

Der Bebel-Platz mit Deutscher Staatsoper, Hedwigskathedrale und Alter Bibliothek (ganz rechts) 1979
2teiliges Panorama
Von Bundesarchiv, Bild 183-U1206-024 / Zimmermann, Peter / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5437583
Über 50 Gedichte aus mehreren Jahrzehnten – das ist eine anspruchsvolle Werkschau. Für Traumselige sicher nicht das Wahre. Fast 80 Fotos aus der Tiefe der Deutschen Oper – das ist Dokumentationskunst. Der Saal ist leer. Die Bühne gerät nicht in den Fokus. Es geht um mehr, natürlich mit Genehmigung der Leitung. Wer mit den abgebildeten Stichworten auf Brettern oder sonstwo wie “Zauberflöte” und “Don Giovanni” Melodien verbindet, wird viel hören beim Staunen. Das Inhaltsverzeichnis weiß noch mehr, auch über Aktionsfelder wie “Schuhmacherei”, “Putzmacherei” oder “Solistengarderobe Damen”. Nur Tenöre und Sopranistinnen, die Intendantin, die Orchestermusiker und die Spielleitung, Visagistinnen und Monteure, die sucht man in “Zwischenspiel” vergeblich. Was für ein großartiges Kunstwerk!
