So präsentiert die FAZ Wulf Segebrecht zum 90. Geburtstag. abfotografiert aus faz.e
Unter Literaturwissenschaftlern und Literaturwissenschaftlerinnen kennt man ihn, schon durch seine Schrift “Was sollen Germanisten lesen?”. Aber in Neuruppin, seinem Geburtsort, scheint der Professor aus Bamberg vergessen. Wikipedia weiß, dass er 1935 in Neuruppin zur Welt kam.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
Die zitierte Frage beantwortet Segebrecht ganz einfach: “Alles.” Die gleichnamige Erzählung von Ingeborg Bachmann dürfte nicht gemeint sein. Und alles Gedruckte sicher auch nicht. Segebrecht geht es um eine Haltung: für alles offen sein, aber nicht unkritisch. Er selbst hat sich zum Beispiel als Rezensent vor 25 Jahren mit Albert Ostermaiers “ode an kahn” beschäftigt. Richtig: der Torhüter. Ein schöner Anlass, etwas über antike und moderne Heldendichtung zu schreiben. Lobhudelei gibt es aus seiner Feder nicht. Das zeigt sich auch am Beispiel von Gedichten, für die Sarah Kirsch verantwortlich zeichnet. Als Kenner merkt er, was fehlt. Und das wird bemängelt in “Was wir nicht lesen dürfen”. Die DDR-Zensur steht nicht am Pranger. Die ist zu der Zeit schon erledigt. Um lyrische Stimmen geht es auch in “Rede vom Hauch”. Goethes “Nachtlied” gerät in den Blick. Oder wird Klang, wenn man will. Aus Anlass des 90. Geburtstages von Wulf Segebrecht hat man bei der “Literaturkritik” ein paar Beiträge online zur Verfügung gestellt. Sie zeigen, wie sich Fachkenntnisse lebendig entfalten lassen anhand der Literatur. Da hat ein Germanist die Freude am Lesen und Schreiben noch nicht verloren.

abfotografiert aus “Was sollen Germanisten lesen?”
Das Werk für Studierende ist natürlich anders angelegt. Es wird aufgelistet, historisch geordnet seit dem Mittelalter, aber möglichst nicht ausufernd. Sammlungen werden einbezogen bis 2005. Dass Theodor Fontane mit mehreren epischen Werken dabei ist, versteht sich. Länger ist die Liste nur bei Thomas Mann. Segebrecht spricht selbst die Angreifbarkeit jeder Auswahl an. Er zitiert Marcel Reich-Ranicki, allerdings nicht um sich dem Papstwort anzuschließen: “Der Verzicht auf einen Kanon würde den Rückfall in die Barbarei bedeuten.” Anders der Verzicht auf Literatur, auf Auseinandersetzung, der wäre sicher auch für Segebrecht bedenklich. Die unterschiedlichsten Publikatonen von Wulf Segebrecht sind im Handel erhältlich, teils antiquarisch. Sein besonderes Interesse galt dem “Gelegenheitsgedicht”.
