“Woyzeck” in Vichel – eine aufrüttelnde Inszenierung unter freiem Himmel

Vor genau hundert Jahren wurde versucht, aus dem Fragment “Woyzeck” von Georg Büchner ein Drama mit klassischem Aufbau zu formen. Das konnte nur misslingen, denn im Fragmentarischen steckt hier eine Weltsicht und des Verfassers eigene Lebenstragik. Er starb zu früh. Die Wanderbühne “Ton und Kirschen” aus Werder an der Havel präsentierte in Vichel unter freiem Himmel einen ungeglätteten und ungeschönten Stoff. Und der kam sehr gut an bei den zahlreichen Gästen. Moderne Songs, teils live, teils nicht, milderten allerdings den aufwühlenden Lebensstoff ein wenig durch Wohlklang.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Einer Inszenierung unter freiem Himmel kommt natürlich entgegen, dass schon von Büchner in weiten Teilen kein Kammerspiel konzipiert wurde. Vorgaben wie freies Feld, auf der Gasse oder vor der Haustür, die lassen sich bewältigen mit wenig Umbau, ebenso offenes Kneipen- und Jahrmarktleben. Selbst der Punkt 16.02 Uhr einsetzende Regen passte irgendwie zum Spielgeschehen. Den Mord an seiner Marie würde Franz Woyzeck deshalb gewiss nicht aufschieben. In seinem an Demütigung, Ausbeutung und Missachtung reichen Leben scheint ein bestimmter Punkt des Erträglichen überschritten zu sein.

Elternzeit? Zuständigkeitsstreit? Am Ende unfassbares Kindesleid.

Ein aufwühlender Fall von Eifersucht bildet also den Kern der Handlung. Die sympathische Marie hat was mit einem unsympathischen selbstverliebten Tambourmajor. Woyzeck wirkt verwirrt. Der Fall ist psychologisch kompliziert. Und die Rollengestaltung anspruchsvoll, in allen Szenen. Gelächter zur Jahrmarktzeit mit Affentheater und Pferdehintern und die wunderbare Orchestermusik boten gewiss Entlastung auf Stühlen und Bänken.
Mangels Besetzungsliste lassen wir die fälligen Loblieder. Aber an Margarete Biereye kommt man einfach nicht vorbei. Sie gibt den Doktor, der Versuche mit Franz’ Urin macht, und den Professor, der Woyzeck als Kreatur vor Studierenden zur Schau stellt. Zynismus bekommt Gestalt. Und kalte Geltungssucht. “Warum ist der Mensch?”, heißt die Sinnfrage eines Handwerksburschen. Der Schauspieler steht etwas seitab und schaut ins Publikum, also auch Richtung Schloss. Wie ein Prediger gibt er selbst die Antwort, allerdings ironisch eingefärbt und voller politischer Brisanz: “Aber wahrlich, ich sage euch, von was hätte der Landmann, der Weißbinder, der Schuster, der Arzt denn leben sollen, wenn Gott den Menschen nicht geschaffen hätte?”

Der Tambourmajor: Toxische Männlichkeit mit tänzerischer Sicherheit.

Manchmal wird beim “Woyzeck” in einem Programmheft hinzugefügt aus Büchners Feder, was unter der Parole “Friede den Hütten! Krieg den Palästen!” als Hessischer Landbote berühmt geworden ist. Eine anonyme Kampfschrift! Und das in Zeiten strenger Zensur! Woyzeck ist ein Opfer und wird zum Täter.
Ursula Krechel, Büchner-Preisträgerin 2025, hat vor einem Jahr in Wittstock ihren Roman “Sehr geehrte Frau Ministerin” vorgestellt, in dem es um rechtspopulistisch motivierte Mannesgewalt gegen eine Politikerin geht. Marie zu töten, ist ein schweres Verbrechen. Krechel will, dass man es sich mit dem Fall Woyzeck nicht zu leicht macht. Auch wegen des Kindes? Auseinandersetzung war auch Büchners Anliegen. Wenn man nur wüsste, wie Margarte Biereye, David Johnston und die anderen großartigen Akteure aus verschiedenen Ländern dieses brisante Problem in Vichel gelöst haben! Aber da war man schon weg vom Hoftheater – keine schützende Kleidung, unbeschirmt und unbehütet.

Jahrmarktposing, als wär’s schon “Woyzeck in Jugendsprache”?
Fotos: VHS

Das Reclam-Bändchen von Asin Andkohiy mit “Woyzeck in Jugendsprache!” (2023) bringt übrigens einen Trainer namens Emre ins Rampenlicht. Und solche Sätze von Marie: “Boah, du hast so ein Sixpack, so einen baba Körper, wie ein Bodybuilder.” Und ein Kriminologe sagt gegen Ende: “Was ein geiler, guter Mord.” Cano, das Kind von Marie und Franz, bekommt zum Trost ein iPad. Als Alter wird etwa eins angegeben. Eigentlich ein Wahnsinnsstoff für ein junges Ensemble. Aber wer wagt so etwas Provozierendes?

Ein Kommentar

  1. Vielen Dank für das Resümee. Es war eine mitreißende, beeindruckende Inszenierung. Ton und Kirschen sind wirklich eine tolle „Truppe“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Auch interessant