“Seit vier Jahren lebe ich anfallfrei!” Als Wolfgang Suchner das sagt, ist klar, dass es nicht um eine abgschlossene Heilung oder die absolute Entwarnung geht. Er ist Epileptiker. Er bleibt Epileptiker. Jahrzehnte der Einschränkung, der Sorge, der Eingriffe, der Maßnahmen hat er hinter sich. Im Universitätsklinikum war er gemeinsam mit Hans Werner Otto zu Gast, um ihr Buch “Wolfgang fällt um” vorzustellen. Erfolgversprechendes war auch Thema.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
Wolfgang Suchner ist Musiker. Im recht gut besuchten Festsaal gibt es Kostproben. Er greift zu Tuba und Trompete. Mit dem Autor Hans Werner Otto verbindet ihn eine lange Freundschaft. Für “Wolfgang fällt um” zeichnen sie gemeinsam verantwortlich. Die gut gewählten Passagen geben einen sehr klaren Eindruck von der wechselvollen Entwicklung vom ersten Schock bis zu den ersten Erfolgen – dazwischen liegen Jahrzehnte. Die Sprache der Beipackzettel wird vermieden, die der medizinischen Forschung auch, soweit möglich. Das Erleben steht im Vordergrund oder eben das Miterleben. Die anderen Leute aus der Band sind betroffen. Später die Mitglieder eines Musiktheaterensembles. Wolfgang Suchner ist dem Rat, sofort mit der Bläserei aufzuhören, nämlich nicht gefolgt. Alles ist anders seit der Diagnose, vieles ist intensiver. Liebgewinnen kann er die im Dunkeln des Leibes wirkenden Kräfte trotzdem nicht.
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“Du bist kein Epileptiker”, liest Hans Werner Otto. Die Mutter spricht. Mit Spott würde man ihr nicht gerecht. Sie wird die Hundert überschreiten, bis sie endlich klarer sieht. Tief hatte sich eingeprägt, was angesagt war, als in der NS-Zeit die Rede war vom “lebensunwerten Leben”. In Neuruppins Kliniken wird dieses dunkle Kapitel nicht mehr ausgeklammert. Im Buch bietet der Exkurs Anlass, über das unteilbare Recht auf Leben nachzudenken. Trotz aller Anfechtungen, trotz aller Krisen – Wolfgang will leben. Und reisen. Und musizieren. Und künstlerisch experimentieren. Was Otto da von einem Bühnenstück mit Blackout verlauten lässt, von Sprachverwirrung und Präsenzverlust, klingt nach absurdem Theater. Gemeinhin wird solch ein Zusammenbruch geprobt, immer und immer wieder, bis es der Leitung absurd genug ist und voll echt wirkt, hier wird nur gelebt.

Fotos: VHS
In Neuruppin wurde der Einblick in dieses Leben so dargeboten, dass nicht Schockstarre um sich greift. Dazu trägt auch Christina Rudersdorf als Moderatorin bei. Sie ist Ernährungswissenschaftlerin. Reflexion ist angesagt. Und Empathie. Es scheint einen Weg zu geben, der Erfolg verspricht. Was unter “Ketogener Ernährungstherapie” zu verstehen ist, erläutern Dr. Karen Müller-Schlüter und die Ernährungspsychologin Katharina Schramm, also zwei erfahrene Fachkräfte. Ob die Kost mundet, kann nach der Pause spontan beantwortet werden. Der Verfasser hätte lieber einen Kaffee getrunken. So als Mensch. Wenn die Methode wirklich den Erfolg für Wolfgang Suchner gebracht hat, wird sich niemand hinstellen und sagen, das könne nicht sein. Oder Ähnliches schreiben. Er ist da. Er musiziert. Er steht Rede und Antwort. Und hat Humor. Herrlich!
Belassen wir es also in vollendeter Laienhaftigkeit zunächst bei der Leseempfehlung. Den beiden Freunden ist es nämlich gelungen, immer wieder auch literarisch zu schreiben. Von nicht wenigen Ärzten und Ärztinnen weiß man, dass die Pflicht zur Dokumentation gehasst wird. Vielleicht sollte mal Literatur gewagt werden. So etwas zum Beispiel bei Identitätsverlust. Ist ganz einfach. Das zu erleben, das muss allerdings ganz schrecklich sein: “Er selbst heißt Wolfgang. Oder?”

