Von einem Ostdeutschen, der das unbekannte Wesen erfassen möchte

Der Titel erinnert ältere Westdeutsche womöglich an das Aufklärungsbuch “Deine Frau, das unbekannte Wesen” von Oswald Kolle. Das Werk erschien 1967, ein Kinofilm folgte 1968. Witzbolde redeten auch vom bekannten Unwesen. Wolfgang Schimank will insbesondere ehemalige Westdeutsche, aber auch jüngere Gesamtdeutsche aufklären über den Ostdeutschen, das unbekannte Wesen. Im Jahr 1956 in Potsdam geboren, wurde Neuruppin später zur Heimat. Das zweibändige Werk macht die Stadt allerdings nicht etwa zum Zentrum.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Der sogenannte Beitritt der DDR zur BRD im Jahr 1990 wird sehr kritisch analysiert, die immer noch fehlende innere Einheit wird heftig beklagt. Die beiden Bände umfassen fast 1100 Seiten. Die jüngste Entwicklung mit der AfD auf der Überholspur könnte Thema von Band 3 werden. Dann hoffentlich ohne vergleichbare Fehler wie die Verwechslung von Willy Brandt und Oskar Lafontaine als SPD-Kanzlerkandidaten im Jahr 1990. Und die fundamental kritisierte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) wird dann vielleicht nicht mehr manchmal Angelika genannt.
Wolfgang Schimank beschränkt “den Betrachtungskreis bewusst auf die ehemaligen DDR-Bürger, ihre Kinder und Kindeskinder”. Gut 75 Jahre geraten dadurch in den Blick, denn der Autor beginnt mit der Besatzungssituation im Mai 1945, skizziert den spezifischen Weg der DDR im Rahmen der Warschauer Vertragspartnerschaft, charakterisiert und kritisiert das Herrschaftssytem der SED, fasst prägende Lebensbereiche zusammen und Wirkmächte wie Musik, betrachtet die “Wiedervereinigung” kritisch, ohne der DDR nachzuweinen, und beschließt seine Betrachtung im Jahr 2021 noch vor den Bundestagswahlen. Gegen Ende fasst Schimank kritisch zusammen: “Wer eine Politik gegen das Volk macht, kann sie nur über Sprachbereinigung, über eine geschickte Meinungsdikatatur, über eine Spaltung der Gesellschaft und – eine deutsche Spezialität – über eine nationale Selbstverachtung durchsetzen.”

Das Werk im rauschenden Blätterwald Anfang Oktober 1990.

Die AfD lässt grüßen. Auch wenn diese Partei erst im 22. Kapitel in den Fokus rückt, sind programmatische und propagandistische Schwerpunkte und Schlagworte schon zuvor zu finden. Doch im Mittelpunkt steht die ostdeutsche Identität. Die Situation der eigenen Familie wird nicht etwa durchgehend so geschildert, dass Biografie und Historiografie ineinanderfießen. Aber beim Thema Mauerbau 1961 oder später anhand der Regelungen von Besuchen in BRD und DDR. Da wird mehr Emotionalität spürbar, besonders beim Thema Verwandtenbesuch und Geschwisterschaft. Von Westberlin zeichnet Schimank ein gemischtes Bild. Mit Vehemenz weist der ausgebildete Elektroingenieur das Etikett “der dumme Rest” für die DDR zurück. Es ist ja auch selten blöd.
Wie das funktionieren soll, Millionen von Menschen auf “das Wesen des Ostdeutschen” zu reduzieren, bleibt das Geheimnis des Verfassers. Er weiß doch selbst, dass die Kinder einer Familie extrem unterschiedliche Wege gehen können.
Angela Merkels Werdegang inklusive Physikstudium und ihr Weg zur Kanzlerschaft ist dem Autor suspekt. Er sieht sie nicht als Teil der oppositionellen Bewegung, die das DDR-System letztlich 1989 zum Einsturz gebracht hat. Eher als Zugestiegene. Und im Amt als Gesetzesbrecherin, etwa im Hinblick auf die Migrations- und Flüchtlingspolitik rund um das Jahr 2014. Als Angela Kasner 1954 in Hamburg geboren und in der DDR in einem Pastorenhaushalt aufgewachsen, ist die promovierte Physikerin eben nicht “die” Ostdeutsche. Merkels Biografie “Freiheit” (2024) konnte Schimank beim Verfertigen seiner Gedanken noch nicht kennen. Susanne Arndts “Ich bin Ostdeutsch und gegen die AfD – Eine Intervention” (2025) liest sich gut neben Schimank, ebenso Jana Hensels “Es war einmal ein Land” (2026). Der deutschsprachige Büchermarkt hat viel Platz für das Themenfeld. Ob Wolfgang Schimank auch als Vorlesender aus seinem Werk in Neuruppin auftreten wird? Hensel hatte eben erst ein volles Haus bei den Fontane Festspielen.

Regenbogenfarben 2021 auch auf Trabanten unweit des Alex.

“Der Anfang vom Ende der DDR sehe ich in der verhängnisvollen Entscheidung der SED-geführten Regierung, ab dem 1. September 1978 für die 9. Klasse einen Wehrkundeunterricht einzuführen”, schreibt Schimank. Die Verfolgung dieser Argumentationslinie wäre ein eigenes Buch. Wie das Friedensthema an Bedeutung gewann, insbesondere in Kirchenkreisen, wird geschildert. Selbst zum Dienst in der NVA berufen, zeigt sich der Autor offen für den Schlag der Friedenstaube, auch über die Genze der Militärblöcke hinaus ab 1979.
Mit dem Wort “Unrechtsstaat” als Bezeichnung für die DDR hadert der Autor, da es der inneren Widersprüchlichkeit des DDR-Systems und seiner Dynamik nicht gerecht werde. Und der Rolle der auf unterschiedlichen Ebenen agierenden, oft gar nicht so unrechten Menschen auch nicht. Im Kapitel “Ist die neue BRD ein Unrechtsstaat?” wird die DDR allerdings dann doch ohne Einschränkung “Unrechtsstaat” genannt. Und man liest mit Blick auf die Gegenwart: “Die Gerichtsbarkeit ist in Wirklichkeit nicht so unabhängig von der Politik, wie man es in der Schule gelehrt bekommt.” Das aber, so Schimank, deckten die “Mainstreammedien” nicht auf.
Der Autor berührt Schwachstellen der EU und ihrer Vorläufer, das ist nicht abzustreiten, insgesamt bleibt ihm der Westmensch allerdings ein völlig unbekanntes Wesen. Besonders auf die Nerven gehen ihm anscheinend Grüne und Graue. Mit Schlagworten wie “Globalisten” und “Transatlantiker” ist hier wenig gewonnen. In Sachen EU stellt Schimank Reform oder Austritt gegen Ende gegenüber. Er neigt zum Austritt, ein erster Schritt wäre für ihn der baldige Abschied vom Euro. Er ist sich ganz sicher, dass die Liebe zur Deutschen Mark immer noch trägt, zumindest im Hinblick auf die von ihm fokussierten echten Ostdeutschen. Zur NATO heißt es, sie mutiere von einem defensiven zu einem aggressiven Militärbündnis, das ständig die Toleranzschwelle Russlands austeste und somit den Weltfrieden gefährde. Im Austritt sieht Schimank 2021 “das Gebot der Stunde”.

Das Heine-Denkmal im Berliner Osten im Coronajahr 2020.
Fotos: VHS

Diese Schwerpunkte mögen reichen, um das Werk der Betrachtung zu empfehlen, von beiden Seiten der Mauern und Gräben natürlich, aus Geisteshöhen und mindestens so kritisch, wie Schimank das Buch “Wer wir sind – die Erfahrung, ostdeutsch zu sein” von Jana Hensel und Wolfgang Engler liest. Von den Ostdeutschen in Anführungszeichen wünscht er sich “mehr Gelassenheit, Selbstkritik und Initiative”. Und von den Westdeutschen ohne Anführungszeichen? Dass sie jenen “mehr berufliche Aufstiegschancen geben, zuweilen vom hohen moralischen Ross heruntersteigen, die Aussagen der Leitmedien und Politiker mehr hinterfragen und freiheitlicher und patriotischer denken würden…” Wolfgang Schimank schließt mit Heinrich Heine: “Deutschland hat ewigen Bestand, es ist ein kerngesundes Land! Mit seinen Eichen seinen Linden, werd’ ich es immer wiederfinden.” Bei der Bücherverbrennung in Berlin am 10. Mai 1933 griffen Nazis auch nach seinem Werk. Von Heine stammen die Bühnenworte: “Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.” Es ging ganz konkret um den Koran – ins Feuer geworfen von vermeintlichen Christen. Allerdings im Theaterspanien. Kultur nimmt in Band 1 übrigens mehr Raum ein, als hier erkennbar wird. Dass Bertolt Brecht 3000 DDR-Mark verdiente am und im Theater, hatte man ja geahnt. Aber er war ja auch Österreicher, vorher Exilant aus Not und Bedrängnis und selbst in der DDR kein Ostdeutscher neuen Typs.

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