“Harich 100” – Blicke auf Neuruppin und Berlin inclusive Lachnummer

Im Jahr 2023 lag die Geburt von Wolfgang Harich in Königsberg hundert Jahre zurück. Dass die sechs Bände “Harich 100” erst jetzt erscheinen, hat allein mit einer Erkrankung des Herausgebers Andreas Heyer zu tun. Die ersten beiden Bände sind bereits im Handel erhältlich. Band 1 führt nach Neuruppin und nach Berlin. Eine Passage mit Lachgarantie ist in der Stadt am Ruppiner See angesiedelt.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Andreas Heyer hat sich dafür entschieden, kurze Texte von Harich oder Ausschnitte mit aktuellen Essays und kurzen Studien sowie mit relevant gebliebenen älteren Materialien zu verknüpfen. Zur Lachnummer nur so viel: Harich nennt Neuruppin, wo er wichtige Jahre seiner Kindheit und Jugend verbrachte, “die wichtigste Stadt der Welt”. Nein, nicht wegen Friedrich II., nicht wegen Schinkel, nicht wegen Fontane, nicht wegen der eigenen Bedeutsamkeit. Wegen der Blaupause für New Yorks Stadtplaner. Und der Kühnheit Kühns und so weiter. Lesen lohnt sich. Vorlesen auch, denn die aus den “Neurupiner Jugendjahren” übernommenen Ausführungen lassen fast vergessen, dass hier ein Philosoph am Werk ist. Und an acht Jahre Knast in der DDR ab 1956 denkt man vermutlich auch nicht.
Von 1928 bis 1940 lebte Wolfgang Harich in Wuthenow. Der Vater Walther Harich, ein recht erfolgreicher Schriftsteller, war 1931 verstorben. Eine große Jugendliebe schildert Wolfgang selbst. Die Gründe, warum er 1940 nach Berlin zu Verwandten zog und dort sein Schulglück versuchte, sind politischer Art. Sein Hitlerspott war später in der SBZ und in der DDR etwas für den Lorbeerkranz. HJ-Jahre konnte man glatt vergessen.
“Harich 100” ist keine Festschrift der üblichen Art, also keine Lobhudelei. Wie Wolfgang Harich den Schriftsteller Ernst Jünger an den Pranger stellt, wird überaus kritisch betrachtet. Auch die Unternehmungen im Jahr 1956 gegen die SED-Führung, insbesondere gegen Walter Ulbricht, werden differenziert betrachtet. Dass Wolfgang Harich eine sozialistisch geprägte Vereinigung der beiden deutschen Staaten ins Auge gefasst hatte, dürfte manche Zeitgenossen überraschen. Ebenso seine Tournee durch die sogenannte BRD. Die Weltsituation des Kalten Kriegs gerät in den Blick. Harich verstarb 1995 in Berlin. Bis zuletzt engagierte er sich politisch, im letzten Jahrzehnt vor allem umweltpolitisch und partizipatorisch. Sein Gesamtwerk samt Nachlass sprengt Bücherregale.
Der Verfasser dieser Zeilen ist für einen Betrag verantwortlich, in dem es um Harichs Bemühungen geht, den Philosophen Johann Gottfried Herder in der DDR bekannter zu machen und aufzuwerten. Harichs Dissertation galt Herder. Walther Harich, der wie Herder im ostpreußischen Mohrungen, heute Morag (Polen), zur Welt gekommen war, hatte in Wuthenow den Rat gegeben: “Beschäftige dich mit Herder, mein Junge!” Herder war primär Theologe und Prediger. Die DDR-Brücke wird über die Geschichtsphilosophie und die Studie zur menschlichen Sprache geschaffen. Und dass Herder ab 1776 in Weimar wirkte, dürfte auch nicht ganz unwichtig gewesen sein, Stichwort Klassik-Erbe in der DDR.

Blick vom Ufer in Wuthenow auf die Klosterkirche in Neuruppin.
Fotos: VHS

Vor achtzig Jahren verfasste Wolfgang Harich als Journalist einige satirische Texte. Im Buch gibt es Kostproben. Sie zeigen auch die stilistische Vielfalt des Mannes, der ein paar Jahre an der Humboldt Universität lehrte, worüber am Ende von “Harich 100” mehr zu erfahren ist. Zu Erich Kästner hatte Harich nach 1945 persönlichen Kontakt. Die Satire “Vorschlag zum Humor – nach Erich Kästner” ist in hiesigen Gefilden angesiedelt. Die Mitschüler an der Grundschule hätten “furchtbar wenig Humor” gehabt, heißt es. Echt? In Brandenburg? Als zu wenig mutig, also eigentlich total feige von einem Sportlehrer namens Grobler vor der Klasse gedemütigt, wagt er einen Sprung von der hohen Mauer. Verschmitztes Fazit: “Mit dem Gips um mein gebrochenes Schienbein erhärtete sich auch mein Selbstbewusstsein.”

Auch interessant

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert