Ein Blick auf das kürzlich erschienene Buch. Foto VHS
Über einen “Reklameblitz” lässt Brigitte Reimann in der 1963 in der DDR erschienenen Erzählung “Die Geschwister” reden: “Dein guter Stern auf allen Straßen…” Mit solchen Slogans locke der supekte Westen junge DDR-Bürger. Auch “Dein Sekt sei Deinhard” wird angeprangert. In dem Sammelband “Der Westen – eine ostdeutsche Empfindung” werden andere Lockmittel aus der TV-Werbung genannt. Cornelia Geissler und Gunnar Cynybulk zeichnen als Herausgeberin und als Verleger verantwortlich.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
Die 16 beteiligten Autoren und Autorinnen gehören unterschiedlichen Generationen an, sind aber allesamt irgendwie im Osten zu verorten. Katja Lange-Müller wurde 1951 in Berlin-Lichtenberg geboren. Aron Boks kam 1997 in Wernigerode auf die Welt. Ost-Harz könnte da rein geografisch gemeint sein. Leipzig, Jena, Magdeburg und Greifswald sind unter den Geburtsorten, doch Ost-Berlin mit seinen Stadtteilen überwiegt. Etwa zehn Seiten sollten nicht überschritten werden, so die Vorgabe. Fotos gehören nicht zur Performance. Warum jeweils eine Leitfrage mit Werk- oder Lebensbezug gestellt wird, erschließt sich nicht, zumal sich die Beteiligten nicht klar daran orientieren. Es ist wohl eher ein Impuls. Und wie ein braver Zögling schreibt hier niemand.
Thomas Brussig wird gefragt: “Kann der Westen eigentlich auch über seine Errungenschaften lachen?” Der humorvoll gestaltete Beitrag fokussiert sich auf die Komödienstoffe aus 40 Jahren Realsozialismus. Brussig meint, die Westler hätten die DDR nicht so erlebt, dass sie sich über sie lustig machen mussten. Aber die Ostler. Unbedingt. Durch Komödien habe man als Ostler nach dem Ende der DDR ein anderes Verhältnis zu ihr gefunden. Ein lesenswerter Text, besonders wenn es um die Haltung zur NS-Diktatur und zur SED-Herrschaft geht: “Mauer und Schießbefehl sind Verbrechen einer anderen Dimension als Weltkrieg und Holocaust.”
Dirk Oschmann nennt das Werk laut Verlag eine “Tiefenbohrung in die deutsch-deutschen Bewusstseinslagen unserer Gegenwart”. Der Text von Aron Boks geht echt voll in die Tiefe, von wegen Bergbau in Gelsenkirchen. “Da, wo es am schlimmsten ist” hat er seinen Beitrag genannt. 1997 geboren, kann er den Westen nicht aus der Zeit der deutschen Teilung kennen. Jahrzehnte nach der Einheit macht er sich auf den Weg Richtung Ruhrgebiet und bleibt ein paar Tage in Gelsenkirchen. Der Blick auf Schalke 04 bringt lustige Züge in die Darstellung. Anders die Betrachtung der geschichtlichen Entwicklung und der Gegenwart. “Hartz, Rot, Gold” wird als Schlagzeile zitiert. Dabei gehörte Gelsenkirchen wegen der Steinkohlevorkommen mal zu den bedeutendsten Industriestädten Europas. Das ist Geschichte. Die Erfolge der AfD sind Gegenwart. Bei der Bundestagswahl 2025 erreichte die Partei in Gelsenkirchen 25,4 Prozent. Einfach ehrlich, was der junge Autor, der sich wenig um die sesshaft gewordene Industriearbeiterschaft mit Migrationshintergrund kümmert, notiert: “So richtig schlau werde ich nicht aus dieser Stadt.”

abfotografiert aus “Die Bonner Republik” (2024), hg. von Heribert Prantl u.a.
“Westempfindung” im Sinne jener Reklamewirkung wird von Jakob Hein thematisiert. “Der im Osten erfundene Westen” heißt sein humoriger Beitrag, der auch durch Kürze auffällt. Das Westfernsehen kam durch technische Fortschritte im Osten und nicht ganz billige Anschaffungen in immer mehr Haushalte. Es prägte das Bild vom Leben in der sogenannten BRD demnach mehr als die Schulungen in Staatsbürgerkunde, die SED-Verlautbarungen im Neuen Deutschland und der Schwarze Kanal. Westpakete hatten wohl ebenfalls Wirkung, langfristig und subtil: “Die Rolle des Geruchs von Westpaketen für den Fall der Mauer kann nicht überschätzt werden”, weiß der Seelenkundler. Nochmal eine Stimme bei Reimann: “Und wann werde ich zum ersten Mal in einem Brief lesen, dass du den Armeleutegeruch der Ostzone gegen den Duft der großen weiten Welt eingetauscht hast?” Hein hätte womöglich “Armeeleutegeruch” daraus gemacht, sprachbeflissen, wie er ist.
Literarisch modern entfaltet Kerstin Hensel, was “Westen” für sie ausmacht. Menschen aus ganz unterschiedlichen Regionen der BRD werden porträtiert, als ginge es um ganz kurze Kurzgeschichten. Susanne Schädlich erweitert den Blick durch ihre Sicht aus den USA. Bald nach der Ausreise aus der DDR hatte sich die Autorentochter für den totalen Westen entschieden. Für Domenico Müllensiefen, Jahrgang 1987, wird Westen zum Land der Unterbezahlung und Herabwürdigung der Masse der Werktätigen. Das Wort fällt natürlich nicht. Der arbeitende Mensch ist, seit alles irgendwie Westen ist im Einheitsdeutschland, nichts oder wenig wert. Über Gute-Nacht-Gesänge für pflegend und helfend Tätige zur Coronazeit kann er sich aufregen. Reine Heuchelei, nach seinem feinen Empfinden.
Tom Jonas Müller, Anfang vierzig, setzt beim Trabant an und wagt sich im Wirrwarr der Einheitsmärkte mit den Eltern bis zum Golf GTI. Eigentlich geht es ja sowieso nur um das liebe Geld, um Startkapital, um Kapitalismus. Doch wo das Startkapital nicht über Wohl und Wehe entscheidet, da glänze der Osten und präge Karrieren. Paar Namen gefällig? Sandra Hüller, Toni Kroos, Jenny Erpenbeck… Neuruppin wird übrigens auch erwähnt von Müller. Aber nur nebenbei. Nichts Wesentliches im Hinblick auf die akuten Empfindungen der hier zur DDR-Zeit Beheimateten.

abfotografiert aus “Werk der Millionen” (1969), hg. vom Institut für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED zum 20. Geburtstag der DDR
Katja Lange-Müller hängt ein paar Hoffnungen an den Berliner Dialekt, wie er sich ihrer Ansicht nur im Ostteil zur DDR-Zeit erhalten hat. Dit darf se denken. Oder? Wie ein Gedicht von Jacob von Hoddis hier eingefügt wird, verwirrt. Eine Dialektfassung von “Am Lietzensee” bleibt einem erspart. Steffen Popp sagt einen Satz, der nicht selten zu hören ist im ehemaligen Osten: “In der DDR hatte es mir – Jahrgang 1978 – an nichts gefehlt.” Den Westen lernt er Mitte der 90er kennen durch eine Reise mit dem Zug: “Wie aus einem Lehrbuch für Staatsbürgerkunde kam er mir mit Bettlern entgegen…” Es wird in dem Buch also nicht nur in ein Wunderhorn geblasen. Und über “Empfindungen” ist nur schwer zu diskutieren. Das Wort selbst könnte man als Leitbegriff sogar irgendwie als unpassend empfinden bei so viel angestrengter Nachdenklichkeit.
Der weniger von Westglanz und Firlefanz als vom enormen technischen Fortschritt und gewissen Aufstiegschancen gelockte junge DDR-Bürger bleibt in Brigitte Reimanns Buchwelt übrigens im Osten. Geschwisterschaft wird zur Allegorie, aber nur im Rahmen der DDR.
