Der Philosoph Werner Kuntz – schon betagter. Literaturlandschaft Berlin-Brandenburg
“Ein ziemlich dilettantisches Machwerk”, urteilt Wolfgang Harich in seinen Jugenderinnerungen. Ob er als 16-Jähriger Werner Kuntz’ Werk “Vor den Toren der neuen Zeit” wirklich gelesen hat? Oder spricht hier schon der gereifte Ostberliner Philosoph – systematisch geschult, systemgeschädigt, hafterfahren und ziemlich ungebremst? Blättern wir mal ein bisschen im Kuntz…
Von Volkmar Heuer-Strathmann
Doch zuerst zur Person: Werner Kuntz, 1890 geboren, unterrichtete ab 1930 an der Fontaneschule in Neuruppin. Die Fächer Chemie und Physik hatte er zu geben, obwohl eine Fakultas dafür nicht vorlag. Wolfgang, der Gymnasiast, hört darüber nichts Gutes, aber in einen privaten Philosophiekreis bei Kuntz zieht es ihn, insbesondere, so seine Worte, wegen der Mädchen. Hildegard Kuntz, die Gattin, die Werner Kuntz an der Schule kennen gelernt hat, wird nur kurz erwähnt. Für ihre Naturmystik, die sich auch in Gedichten offenbart, hat Harich nur Spott übrig. Ebenso für das Musizieren des Hausherren mit Richard Wagner als Idol und weiterem Dilettantismus auf Tasten.
Das besagte Werk ist eine Sammlung von unveröffentlichten Aufsätzen. Anlässe werden nicht genannt. “Die Politik der Welt ist reich an verwirrenden Widersprüchen”, schreibt Kuntz. Man wolle den Frieden, aber nicht den Pazifismus. Kuntz weiß: “Man will die überstaatliche Organisation, und man ist noch nie so nationalistisch gewesen wie heute.” Wie gesagt, vor 100 Jahren notiert. Der Erste Weltkrieg wird nicht näher analysiert. Die weitere Entwicklung auf dem Erdball hängt für Kuntz von New York und Moskau ab, hier als Zentren von Kapitalismus und Sozialismus aufgefasst. Harich hebt später hervor, Kuntz sei, solange möglich, Sozialdemokrat gewesen. Die Texte lassen das realistisch erscheinen, eine dezidiert sozialdemokratische Handschrift ziert sie indessen nicht. Völkisches Denken wird sichtbar, wenn er die Stämme und Nationen in ihrer Entwicklung bewertet, dabei Afrika abwertet, aber ganz sicher weiß: “Europa ist das Herz und der Geist der Welt und wird es bleiben trotz allem.” Die USA sind für ihn europäisch geprägt.
Was den Wohlstand angeht, ist Kuntz optimistisch. Der Welthandel ist in Bewegung. Von Moskau und der UdSSR ist in diesem Zusammenhang nicht die Rede. Wohl aber von Taylor und Ford, von Massenfertigung und Massenfortbewegung. Man meint schon Zukunftsmusik aus den PKWs zu hören. Und Nachrichten aus der ganzen Welt habe man jeden Morgen für 10 Pfennig auf dem Tisch.
Ein Loblied auf den kulturellen Internationalismus wird allerdings nicht gesungen. Im Gegenteil. Jede Nation müsse ihre Kultur so weit wie möglich entwickeln. Erst dann habe der transnationale Humanismus eine tragfähige Grundlage. Total abgelehnt werden “Nivellierung, Entpersönlichung und Entnationalisierung”. Die Gegenwart mit all ihren Alternativen lässt grüßen. Auch im Hinblick auf die “Führung” der Masse äußert sich der Philosoph. In den Verdacht, bei Adolf Hitler in “Mein Kampf” (1. Teil, 1925) abgeschrieben zu haben, kommt er nicht, auch wenn er von “irrationaler Treue” schreibt. Eine spirituelle Verbindung sieht er, keinen Rassenhass als Basis, keine paramilitärische Hierarchie.

Foto: Bundesarchiv Koblenz
So wirkt das Werk wie eine weit ausgreifende Gedankensammlung, die anregen will, nicht erziehen, nicht zwingen. Harich vermutet, Kuntz habe überehrgeizig eine Alternative zu Oswald Spenglers “Untergang des Abendlandes” formulieren wollen. Möglich. Dann kulturbasiert und ohne Untergang als Alternative für Deutschland in der Weimarer Republik.
Die Geschichte mit den Mädchen im Philosophiekreis nahm wohl für Wolfgang eine ganz gute Entwicklung. Aber kurz vor Kriegsbeginn nahm die Strenge zu. Sylt wurde als Ausflugsziel gestrichen. Womöglich war Wolfgang Harich auch deshalb später besonders empfindlich, wenn drastische Einschränkungen der privaten Bewegung anstanden wie zwischen BRD und DDR. Werner Kuntz starb um 1965 . Sein Leben wirkt ziemlich unerforscht, nicht anders das seiner Ehefrau. Das Werk ist antiquarisch zu erwerben.
