Wenn die Siechenkapelle mal kurz zum Nachtclub wird…

Erik Satie hatte eine belastende Kindheit. Na und? Erik Satie wurde ein ziemlich erfolgreicher Komponist. Na bitte. Nun gedachte man in der Siechenkapelle seines einhundertsten Todestages. Gabriele Lettow hatte die vielen Gäste in der Siechenkapelle darauf vorbereitet, dass nicht mit einem konventionellen Konzert zu rechnen sei, wenn Monika Knoblochová und Dagmar Šašková mit Klavierspiel und Gesang Werke des französischen Komponisten präsentieren. Und so war’s auch Doch der abschließende Nachtclubbesuch entschädigte für alles.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
Schon auf dem Konservatorium soll Erik schwierig gewesen sein. Aber begabt. Todesfälle prägten die Kindheit. Es herrschte Ungewissheit. Trotzigkeit blieb Erik Saties Haltung zur Gesellschaft der Konventionen – bis ins Alter. Da passte es, dass die beiden sympathischen Künstlerinnen zunächst mit einem gemischten Programm aufwarteten – zwischen Arie und Sprechgesang, zwischen vierhändigem Hammerschlag am Flügel und warmherzigem Sehnsuchtston. Man singt auf Französisch. Auf Deutsch kann mitgelesen werden. Für alle Fälle gab es ein paar Informationen vorab und zwischendurch. Eigentlich war der Einstieg mit einem gregorianischen Choral das Harmonischste, das Berührendste. Oder bloß ein Trick? Dem Ort geschuldet? Der Siechenkapelle? Ein Lockmittel Richtung Abgrund?

stehende Frau zwischen sitzenden Personen
Eine Sängerin – tirilierend auf dem Weg zur Arbeit.

Nach einer Pause, in der draußen Stoßseufzer, aber auch Worte wie “Gewöhnungsbedürftig!” und “Anspruchvoll!” zu vernehmen waren, kam die Belohnung. Entschädigung werden die Herren sagen, die wieder nur mitgeschleift worden waren. Satie hat auch Chansons komponiert, das weiß man. Und er verkehrte in allen Milieus von Paris, auch in Bars und Clubs. So ging es mit dem Duo hinein in die Nachtwelt der Metropole. “Ich will dich!”, war die letzte Nummer. Der Höhepunkt. Jubel brach aus. Es gab Blumen.

Mann am Klavier, daneben eine stehende Frau vor einer Kanzel
Arztsatire von Satie – wenn’s gegen Siechtum hilft…
Fotos: VHS

Dagmar Šašková war gleich nach der Pause in die Rolle der Verführerin geschlüpft, Monika Knoblochová untermalte die Chansons vielfarbig. Die Siechenkapelle als Nachtclub, was für ein Geniestreich! Und welch ein Mut der Künstlerinnen, sich so auf das Milieu einzulassen. Satire war angesagt, etwa bei der Nummer “Beim Arzt” oder in der Ballade “Der Omnibus”. Viel Wortwitz, viele Überraschungen – bis hin zur angekündigten Hirnoperation durch einen hirnrissigen Mediziner. In der Uniklinikstadt. Die schnurrende Nachtkatze flirtet derweil mit irgendwem, Hauptsache Geld! Ihre Stimme ist sinnlich, ihre Gesten verführerisch, aber nie maßlos oder peinlich. Wie sollte dem Siechtum anders begegnet und zugleich erinnert werden an den stets gefährdeten Erik Satie, wenn nicht mit Songs und Chansons von solcher Leidenschaft und Lebenslust? Und wo sonst, wenn nicht unter dem Kreuz Jesu?

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