Mit Helga Kurzchalia und dem Roman “Weltzeituhr” auf verlockenden Abwegen

Briefe und Tagebücher, prägende Personen, wichtige Situationen und unvergessenen Stationen – das ist gut 200 Jahre nach den Romantikern keine Sensation als autobigrafisch geprägter Roman. Aber wenn es wie in “Weltzeituhr” von Helga Kurzchalia um ein Leben in der DDR geht und um eine Frau, die eines Tages “Summerhill” als Lektüre entdeckt und fasziniert ist von der Idee, Autorität in Frage zu stellen, dann könnte es interessant werden. Anna Freud entdeckt sie leider recht spät. Aber das Leben in seiner Fülle noch früh genug.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Das erzählende Ich lebt mit dem kleinen Sohn Jakob, Jahrgang 1972, und Partner Bernd an der Schönhauser Allee. Die U-Bahn fährt dort auf Augenhöhe. Der Puls der Stadt wird spürbar. Da der Kindergarten in der Nachbarschaft keinen Spielplatz hat, bringt sie das Kind morgens nach Friedrichshain. Ein beruflicher Hinweis ist sicher nicht nur für Neuruppiner einen Anstrich wert: An der Bauakademie habe sie ihren ersten Arbeitsplatz als Psychologin gehabt. Es ist die Institution, die ihr geistiges Fundament tatsächlich in Karl Friedrich Schinkels Stammhaus hat. Hören wir mal hin: “Ich befasste mich in einer Forschungsabteilung mit dem Heimischwerden in unseren Städten.” Von Papierbergen ist die Rede. Ein Ergebnis wird nicht präsentiert. Für den Fortgang der Handlung ist wichtiger, dass nach einem Jahr beruflicher Auszeit im sowjetischen Ausland – auch Bernd zu Liebe, eine Anstellung im Krankenhaus Herzberge folgt. Eine Freundin mit gleicher Ausbildung hatte gesagt: “Jeder Mensch hat das Recht, sich frei zu entfalten. Auch bei uns!” Das als Motto für die Arbeit mit schwierigen oder schwer gestörten Kindern in einer Klinik in Ostberlin? Es lohnt sich, der Autorin in die Anstalt zu folgen. Ob das Ensemble nur äußerlich Ähnlichkeit hat mit der Ende des 19. Jahrhunderts geschaffenen Irrenanstalt in Neuruppin und dem, was dann kam nach der NS-Zeit, muss hier offen bleiben. Aber eine Lesung der Autorin im Fontane-Saal im Hauptgebäude der heutigen Einrichtung, hätte sicherlich ihren Reiz.

Kein Einheitsbaum, was man da aufblättert im Buch “Schulgeschichten”.

Als dritte Wirkungsstätte wird eine Beratungsstelle präsentiert. Bald erstreckt sich die Arbeit tatsächlich auch auf tiefenpsychologisch ausgerichtete Tests. Was Kinder im Schulalter zum Reizwort “Baum” schreiben, ist zum Teil abgedruckt. Wer den Ansatz bereits pe se für einen Fortschritt hält, sei daran erinnert, dass Gerhild von Staabs, die Vorreiterin der deutschen Testkultur in Form von Szenarien, bereits 1933 in die NSDAP eingetreten war. Auch Psychoanalyse lässt sich pervertieren.
Die Eltern der Protagonistin hatte NS-Deutschland 1938 als gefährdete Oppositionelle verlassen. Dass die Mutter aus Österreich stammt, gereicht nicht zum Vorteil. Die Rückkehr nach Deutschland ist mit der erklärten Absicht verbunden, ein besseres Deutschland aufzubauen. Der Roman lässt sich auch als Auseinandersetzung mit der Entwicklung in SBZ und DDR bis spät in die 80er-Jahre lesen. Um Republikflucht geht es und um Reformwillen. Und natürlich um das Bild, das Menschen sich von der sogenannten BRD machten und noch mehr von Westberlin. Ein hochpolitischer Roman!

Impression aus Neuruppin – fern von den Schauplätzen des Romans, aber…
Fotos: VHS

Schließlich als dritter Zugang der Blick auf Beziehungen. Quer zur Trennung von Bernd ein anderer Partner aus einem anderen Land, bald ein zweites Kind, ein Mädchen, das Zuhause weiter weg vom Alex, also in einer dieser Siedlungen. Mutterrolle. Reflexionsneigung. Lektüredrang. Und täglich Notizen. In der DDR spürbare untergründige Veränderungen. Die Bauakademiefrage haben die Lesenden natürlich noch nicht vergessen.
Noch zur DDR-Zeit war man mit dabei gewesen in London auf Anna Freuds Spuren, wohlwissend, dass sich Psychoanalyse und nicht anders Kinderpsychoanalyse nicht wie nebenbei erschließen lassen. Zur Wirkungskraft von “Weltzeituhr” gehört ohnehin, dass Interesse geweckt wird in vielerlei Richtungen, wie im Falle der Uhr auf dem Alexanderplatz. Das außergewöhnliche Buch aus der Friedenauer Presse selbst, also aus dem Hause Matthes & Seitz, umfasst nicht einmal 150 Seiten. Aber die Uhr hat ja auch nur 360 Grad. Wie viel Volt hatten eigentlich die Elektroschocks in Herzberge?

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