Das Weihnachtsoratorium als sechsteilige Staffel – “ein kleines Wunder”

Als Johann Sebastian Bach das Weihnachtsoratorium erstmals der Kirchengemeinde in Leipzig darbieten ließ, war es erklärter Wille, Gottesdienst zu halten, verteilt auf sechs Tage zum Jahreswechsel 1734/35. Ein großes Kirchenkonzert wurde erst im Laufe der Zeit aus den Kantaten. Aus Anlass des 275. Todestages von Bach kehrte man in der Klosterkirche diesmal zur Urform zurück.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Vorab die Kinderfassung, also noch vor dem 4. Advent, dann der Auftakt mit “Jauchzet, frohlocket!”, also Jubel und Fröhlichkeit – die Staffel hatte begonnen. Sie handelt von der Geburt Jesu, von Hirten und Engeln, von Vieh und Stallgeruch. Und natürlich von Maria und Joseph, von Sorgen und Nöten und vom allmächtigen Gott. Wer alle Darbietungen erleben konnte, dürfte sich beschenkt gefühlt haben. Und von Dankbarkeit erfüllt. Zum Ausklang war die Kirche erneut gut besucht, trotz deutlich gesunkener Temperaturen und gewisser Widrigkeiten auf dem Weg zur Kirche. Zu Recht konnte Matthias Noack, der die Gesamtleitung innehate, von einem “kleinen Wunder” sprechen und am Ende sagen: “Um’s Herz ist uns heute allen wärmer geworden.” Dankbarer Applaus.
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Sopranistin Anna Cron mit der feinsinigen Arie von der Allmacht Gottes.

Dabei wird von bösen “Feinden” gesungen, von “scharfen Klauen”. Und Thomas Klemm-Wollny lieferte mit seinem “Herodes”-Porträt auch keinen Grund zur Beruhigung. Im Gegenteil. Wachsamkeit scheint angesagt, wenn ein Machthaber die Unverfrorenheit besitzt, drei Fremde für sich nach dem Kinde suchen zu lassen, dem er selbst in Wahrheit nach dem Leben trachtet. Doch Anna Cron sang voller Gottvertrauen und Zuversicht: “Nur ein Wink von seinen Händen stürzt ohnmächt’ger Menschen Macht.”
Im Verlauf der Staffel kamen als weitere Solistinnen Kirsten Schwarz-Krochmalnik, Catherine Brödder und Jaqueline Krohne (ebenfalls Sopran) zum Einsatz, außerdem Kerstin Gottwald, Constanze Schneider und Juliane Sandberger (Alt). Als Bass waren die Sänger Gavin Taylor und Michael Bock zu hören und schließlich die Tenöre Christoph Eder und Andras Adamik. Ein Orchester aus Streichern, Bläsern und Schlagwerker hatte sich eigens für das Projekt formiert. Hinter sich wussten sie die hohe Musikalität der Chöre und einen Enthusiasmus, der ansteckt bis ins Spiel der Tasten, eben die Ruppiner Kantorei, der Kammerchor der Evangelischen Schule und die EVI-Juniorkantorei, dazu noch ein paar Gäste.

“Gebt acht auf diesen hellen Schein, der aufgegangen ist!”
Fotos: VHS

Matthias Noack riss mit seinem Spiel an der Doppelorgel den Himmel auf, ehe die Gemeinde zum leuchtenden Hoffnungslied anhob, den Stern von Betlehem über sich wissend. Thomas Klemm-Wollny weitete den Blick, indem er die Gedanken der andächtig Lauschenden bis zum gekreuzigten Jesus führte und darüber hinaus – im Geiste des gemeinsam gesprochenen Bekenntnis des Glaubens. Anspielungsstark war die Predigt des Theologen, wenn es um Macht und Eigenmächtigkeit ging, um Bedrängnis und Verhängnis. Zwischen Weltpolitik und Zimmerwinkel sieht er Gemeinsamkeiten, was bleibt, sind Einkehr und Umkehr, Aufrichtigkeit und aufrechter Gang. Was sind so ein paar Leuchtraketen gegen solch eine aufblitzende Botschaft reiner Menschlichkeit?

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