“Brentano! Dein Herz ist mir von Gott geschenkt, ist mir geschenkt für all meine Entsagungen, Kämpfe und Tränen.” Worte von Luise Hensel vom 27. Dezember 1816. Wer sich aus “Müde bin ich, geh zur Ruh’” ein schlichtes Bild der Dichterin aus Linum geformt hat, darf sich an den Kopf fassen. Und aufräumen. Der kürzlich erschienene Briefwechsel aus den Jahren von 1816 bis 1842 ist eine Offenbarung. Zahlreiche Gedichte sind darin enthalten.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
Die Mutter hatte gewarnt. Und eine hautnahe, eine körperlich intime Beziehung wurde es ja wohl auch nicht. Aber eine menschliche von großer Intensität und Wechselhaftigkeit entfaltete sich, Gottesfragen inbegriffen. Der Altersunterschied von zwanzig Jahren war kein Hemmnis. Oder?
Am 30. März 1798 kommt Luise Hensel im Pfarrhaus zu Linum zur Welt. Der Vater ist hier erst ganz kurz im Amt, für die Mutter ist es nicht die erste Geburt. Man bleibt bis 1810. Der Vater ist 1809 verstorben. Als das Witwenjahr herum ist, zieht die Mutter mit den Kindern nach Berlin. Familie Schinkel lässt grüßen. Bruder Wilhelm wird in Berlin auf seinem Weg als Maler entscheidende Impulse bekommen, aber doch zweiklassig bleiben, zumindest für Brentano. Für Luise öffnen sich in Berlin die Türen der Romantiker. Noch mehr die der Pietisten. Ein geheimnisvolles Lebensgebäude.

Abfotografiert aus dem Werk über Fanny Mendelssohn-Hensel von Ute Büchter-Römer.
Bis zu ihrem Tod im Jahr 1876 in der Bischofsgemeinde Paderborn wird sie in Städten wie Münster, Düsseldorf, Hildesheim, Dresden und Wiedenbrück leben, mal kürzer, mal länger. Außerdem zahlreiche Reisen realisieren. Oft sind es Aufgaben, die sie festhalten oder die sie bewegen, Hilfe, Fürsorge, Begleitung, Erziehung, Zuwendung, Trost.
Doch schauen wir nochmal auf Linum. Lange Zeit war der Ort Station auf einem Pilgerweg, dann im 18. Jahrhundert auf dem wichtigen Postweg. Die Distanz zwischen dem an Bedeutung gewinnenden Berlin und der Hanse- und Hafenstadt Hamburg ist um 1800 nicht so leicht zu bewältigen. Man kommt durch Linum. Torf wird abgebaut. Die Wege sind befestigt. Über den Flug der Kraniche wäre auch nachzudenken. Und über Störche. Die A 24 ist heute die Achse. Man kann abfahren und sich vorwagen bis zum Teichland, bis an die Grenzen des Wegsamen. Die Schlacht bei Fehrbellin von 1675 ist bekannter geworden als die Dichterin aus Linum am Rhiner Luch. An Schlachten und Kriegen war aber auch in Luises Leben kein Mangel.

Foto: VHS
Im Jahre 1818 ist die protestantische Pfarrerstochter konvertiert. Das mag befremden angesichts der Strenge und der Enge, die mit einem katholisch geprägten Lebensweg verbunden sein dürften – zumal für eine alleinstehende Frau. Und die bleibt sie ihr Leben lang. Bekannter als die kaum auf einen Begriff zu bringende Beziehung zu Brentano ist das Werben von Wilhelm Müller geworden. Und seine Vergeblichkeit. “Die schöne Müllerin” von Franz Schubert nach Gedichten von Wlhelm Müller füllt immer noch Konzertsäle. Den Namen Linum hat man noch bei keiner Darbietung gehört. Und den Namen der Dichterin? Eher nicht.
Nicht allein Luises Brief vom 27. Dezember 1816 legt die Vermutung nahe, dass sie für ihre Seele Frieden ersehnte. Dichten allein reicht nicht, auch nicht gebetsartig. Oft tobt es in ihr. Es sprudelt heraus. “Du hast mir Dein Herz nicht gegeben, Gott hat es mir gegeben zum Christgeschenk”, schreibt sie. “Ich habe das gute Mädchen wiedergesehen”, beginnt er paar Tage zuvor tagebuchartig. Große Worte sind zu lesen: “Das ist das Teuerste, was sich Menschen geben können, ein unendliches Vertrauen.” Kurz darauf jedoch: “Wir wollen uns meiden um des Heiles willen.” Er scheint von ihrem Misstrauen zu wissen. Seine Selbstanklagen und sein Selbstmitleid füllen Seiten. Die eingeflochtene Lyrik ist anspruchsvoll. Die Lebensgeschichten sind hochspannend. Aber für 199 Euro muss man Großes erwarten dürfen.

Foto: VHS
Also den Fall bei Gelegenheit in Linum unter Störchen oder Kranichen in Szene setzen? Oder in Fehrbellin? Exemplarisch auf Wesentliches konzentriert. Musikalisch begleitet. Verse von Brentano waren erst kürzlich in der Schinkelgesellschaft in Neuruppin in Weihnachtsgeselligkeit zu hören. Der Verfasser trat gemeinsam mit Karoline Körbel (Percussion) auf. Plötzlich wurde der Name Luise Hensel in den Raum geworfen. So mag das schon damals gewesen sein: Ein Name, Werke, Hinweise, Vermutungen, Verflechtungen – man kommt kaum los davon. Also erstmal weiterlesen……







