“Die Wut ist weiblich” – eine Fotoausstellung der besonderen Art

Es ist Tradition – nicht nur im Museum Neuruppin, eine neue Ausstellung mit einem kleinen Vortrag oder einem munteren Gespräch zu eröffnen. Anders im Falle der Wechselausstellung “Die Wut ist weiblich”. Aus den einführenden Erläuterungen entwickelte die Aachener Fotografin Rosa Engel eine eindringliche Performance. Wütend war sie nicht. Eher glücklich und dankbar. Aber sie verstand es, Zeichen zu setzen, und begeisterte die Versammelten.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Die Ausstellung ist Teil der 36. Brandenburger Frauenwochen, so die Gleichstellungsbeauftragten Ines Rehfeld (NP) und Judith Melzer-Voigt (OPR). Mit Maja Peers, der Leiterin des Museums, waren die Initiatorinnen sich einig, dass das Thema “weibliche Wut” von Relevanz und Brisanz ist. Die Schwerpunktsetzung sollte allerdings nicht heißen, dass es nicht auch Wut auf Frauen geben kann, von Männern wie von Frauen. Mädchen und Jungen wachsen hinein in wallende Gefühlswelten.
Fotos halten den Moment fest. Zur Fotokunst von Rosa Engel gehört, dass jedes Bild Vermutungen weckt, was Anlass war für die Wut. Markante Sätze sind zu lesen. Engel will aufrütteln: “Du bist viel hübscher, wenn du lächelst.” Da wird schon mal gegrinst. Oder: “Wirst du jetzt hysterisch?” Wer fragt, gewinnt. Sie selbst, so Engel, habe in ihrem Leben viel zu lange stillgehalten, ihre Wut unterdrückt, ja sogar gute Miene zum bösen Spiel gemacht. Das sei ungesund, nicht nur psychisch. Und es sei unehrlich. Auch sich selbst gegenüber.
Als Rosa Engel eingesteht, dass es schwierig sei, mit der Wut von Kindern umzugehen, sind im gut besuchten Raum Seufzer zu hören. Engel wird lauter, als es darum geht, nicht mehr leise oder gar stumm zu sein bei solchen Gefühlen. Geschrien wird nicht im Museum, aber mit Nachdruck und klarem Blick dazu ermuntert, dazu ermutigt und unmissverständlich appelliert, als “negativ” bezeichnete Gefühle zum Ausdruck zu bringen, ob in einer Beziehung oder in der Familie, ob im Job oder in gesellschaftlichen Zusammenhängen. Dass mit den globalen Medien neue Wirkungsräume entstanden sind, wird nur kurz angesprochen. Im Mittelpunkt steht, wie auf den Fotos, der Moment, die Situation, der Auslöser, der Affekt. Lähmung kann ein Effekt sein. Erstarrung. Depression. Eine traurige, eine fatale Abfolge.

Im Fokus: Wutausbrüche von Frauen: Und Ausbruchswege?

“Macht dich das nicht wütend?”, ist Rosa Engel selbst auch schon gefragt worden bei entsprechenden Anlässen. Sorge kann sich darin ausdrücken. Aber auch Neugierde. Oder Lust auf mehr Dramatik. So kann die Frage selbst wütend machen.
In Engels Buch zum Thema der Ausstellung kommen auch Expertinnen zu Wort. Sie greifen Fragen der Psychosomatik und der Selbstermächtigung auf und gehen auf Rollenbilder ein, wie sie immer noch bestehen, unabhängig vom Erreichten. Der Band ist im Museumsshop erhältlich.

Befreiender Aufschrei – beklemmende Verzagtheit und Scham?

In Theodor Fontanes Roman “Effi Briest” ist es das Wiedersehen von Mutter und Tochter, dass Gefühle in Wallung bringt. Wie abgerichtet vom Vater wirkt das “O gewiss, wenn ich darf” der Tochter. Beim dritten Mal “sprang Effi auf, und ein Blick, in dem es wie Empörung aufflammte, traf die Tochter”. Von Rosa Engel sensibilisiert, liest sich das tragische Geschehen noch eindringlicher. Effi wird nicht mehr gesund werden. Wie es der Tochter erging, lässt Fontane offen. Der dominante Ex aber erhält noch Gelegenheit, sich gütig zu zeigen. Gerade das könnte wütend machen…

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