Professor Dr. Steffen Mau diskutierte im voll besetzten Brandenburg-Preußen Museum in Wustrau über die langfristigen Folgen der deutschen Einheit.
Bis auf den letzten Platz gefüllt war der Veranstaltungssaal im Brandenburg-Preußen Museum in Wustrau, als der Berliner Soziologe Professor Dr. Steffen Mau sein viel beachtetes Buch „Ungleich vereint – Warum der Osten anders bleibt“ vorstellte. Schätzungsweise 60 bis 70 Besucherinnen und Besucher waren der Einladung gefolgt und erlebten einen ebenso kenntnisreichen wie anregenden Abend. Die Moderation übernahm Pfarrer Schirge, der den Wissenschaftler begrüßte und durch die Diskussion führte.
Von macron
Steffen Mau, einer der renommiertesten Sozialforscher Deutschlands, stellte die zentrale These seines Buches vor: Die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland verschwinden nicht einfach mit der Zeit. Zwar habe es seit der Wiedervereinigung enorme Angleichungen bei Lebensstandard, Konsummöglichkeiten und Infrastruktur gegeben. Dennoch seien viele gesellschaftliche, kulturelle und politische Unterschiede bis heute sichtbar geblieben.
Mau widersprach der lange vorherrschenden Vorstellung, Ostdeutschland werde sich zwangsläufig vollständig an westdeutsche Verhältnisse angleichen. Historische Erfahrungen, gesellschaftliche Brüche und unterschiedliche soziale Strukturen wirkten über Generationen hinweg nach. Dies sei keineswegs eine deutsche Besonderheit. Auch in anderen Ländern Europas gebe es Regionen mit dauerhaft unterschiedlichen Identitäten und Entwicklungspfaden.

Fotos: macron
Besonders ausführlich ging der Soziologe auf die Folgen der Transformationszeit nach 1990 ein. Die Deindustrialisierung, hohe Arbeitslosigkeit, Abwanderung und fehlende Vermögensbildung hätten tiefe Spuren hinterlassen. Viele Ostdeutsche hätten den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruch als Verlust von Sicherheit und Einfluss erlebt. Bis heute seien Ostdeutsche in vielen Führungspositionen von Wirtschaft, Wissenschaft, Justiz und Medien deutlich unterrepräsentiert.
Ein weiterer Schwerpunkt seines Vortrags war die demografische Entwicklung Ostdeutschlands. Mau schilderte eindrucksvoll die Folgen des dramatischen Geburteneinbruchs nach der Wende sowie der Abwanderung von rund zwei Millionen Menschen seit 1990. Mit etwa sechzig Prozent seien besonders stark junge und gut qualifizierte Frauen betroffen gewesen. Während viele von ihnen für Ausbildung, Studium oder bessere Berufschancen in westdeutsche Regionen zogen, blieben insbesondere in ländlichen Gebieten überproportional häufig Männer zurück. Dies habe zu einem deutlichen Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern geführt. In manchen Regionen kämen auf 100 Frauen bis zu 140 oder sogar 150 Männer. Das daraus resultierende Frauendefizit wirke sich nicht nur auf Partnerschaften und Familiengründungen aus, sondern präge ganze Dorfgemeinschaften und Regionen.
Mit Sorge blickte Mau auf die wirtschaftlichen Folgen dieser Entwicklung. Viele ostdeutsche Regionen litten bereits heute unter Fachkräftemangel, Überalterung und Bevölkerungsrückgang. Gleichzeitig beobachte er eine starke Skepsis gegenüber Zuwanderung. Dabei seien gerade migrantische Arbeitskräfte für zahlreiche Regionen unverzichtbar. „Gesellschaften, die schrumpfen, müssten sich eigentlich öffnen – sie machen aber häufig das Gegenteil“, erklärte Mau. Die Kombination aus Abwanderung junger Menschen, niedrigen Geburtenzahlen und der Ablehnung von Zuwanderung komme langfristig einem „demografischen und ökonomischen Suizid“ gleich. Ohne neue Arbeitskräfte von außen werde es kaum gelingen, die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, die Gesundheitsversorgung oder die sozialen Sicherungssysteme dauerhaft aufrechtzuerhalten.
Auch die politische Entwicklung nahm breiten Raum ein. Mau beschrieb eine besondere politische Kultur Ostdeutschlands, die stärker von Protesterfahrungen geprägt sei als im Westen. Die friedliche Revolution von 1989 habe vielen Menschen vermittelt, dass politische Veränderungen vor allem durch öffentlichen Protest und weniger durch Parteien erreicht werden können. Daraus erkläre sich teilweise auch die anhaltende Skepsis gegenüber etablierten Parteien.
Intensiv diskutiert wurde die Entwicklung der Parteienlandschaft und der Erfolg der AfD in Ostdeutschland. Mau führte diesen nicht allein auf aktuelle politische Konflikte zurück, sondern auch auf langjährige Erfahrungen von Benachteiligung und mangelnder Repräsentation. Die AfD habe es verstanden, ein ostdeutsches Identitätsgefühl politisch aufzugreifen und für sich zu nutzen. Viele Ostdeutsche empfänden sich bis heute als Bürger zweiter Klasse. Diese Wahrnehmung werde von der Partei gezielt angesprochen.
Im anschließenden Gespräch nutzte das Publikum die Gelegenheit zu zahlreichen Nachfragen und Anmerkungen. Mehrere Besucher verwiesen auf eigene Erfahrungen mit dem Geburtenrückgang Anfang der 1990er Jahre und schilderten die Auswirkungen auf Schulen, Vereine und Dorfgemeinschaften. Andere berichteten von einer neuen Zuzugsbewegung aus Berlin und fragten, ob darin eine Chance für die Wiederbelebung ländlicher Räume liege.
Kritisch hinterfragt wurden zudem die Privatisierungspolitik der Treuhand, die Eigentumsverhältnisse nach 1990 sowie die Frage, ob Ostdeutschen damals ausreichend Möglichkeiten gegeben wurden, Unternehmen, Wohnungen und Vermögen aufzubauen. Mau räumte ein, dass hier Chancen vertan worden seien und manche Entscheidungen bis heute nachwirkten. Auch die Corona-Pandemie und das Verhältnis vieler Ostdeutscher zum Staat wurden diskutiert. Mau verwies dabei auf die besondere Bedeutung von Protesterfahrungen und das verbreitete Gefühl, politische Entscheidungen stärker durch öffentlichen Druck als durch Parteien beeinflussen zu können.
Zum Abschluss der Veranstaltung dankte Superintendentin Frau Ritter dem Referenten für seine differenzierten Analysen und überreichte ihm als Zeichen der Wertschätzung ein Geschenk. Mit lang anhaltendem Applaus endete ein Abend, der deutlich machte, dass die Frage nach den Besonderheiten Ostdeutschlands auch 36 Jahre nach der Wiedervereinigung nichts von ihrer Aktualität verloren hat.
