Der Schriftsteller Walther Harich könnte als Neuruppiner verbucht werden. Noch ein Künstlername mehr auf der mit A wie Arendt, Erich beginnenden Ehrenliste. Das Dorf Wuthenow, wo Walther Harich von 1928 bis zu seinem Tode im Jahr 1931 lebte, ist heute Ortsteil von Neuruppin. Er fand dort, wovon zukunftsscheue Menschen in seinem Gohlungen träumten.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
Wie nah Walther Harich als Autor dem Dichter Theodor Fontane gelegentlich kam, zeigt beispielhaft sein unvollendetes Werk “Der Aufstieg”, das vor 100 Jahren begonnen wurde. Wie fern er ihm zuvor war, verraten expressionistisch getönte Gedichte, die 1921 veröffentlicht wurden. In “Der Aufstieg” zeigt Harich sich als poetischer Realist – auf eigene Erfahrung und Prägung bezogen, aber nicht darauf beschränkt. Es darf fabuliert werden. Schon durch seine musikalische Ausbildung an der Geige war der Druckereibesitzersohn früh in freiere Gefilde geraten. Und fasziniert.
Gohlungen gibt es nicht. Aber Mohrungen. Dort kam Walther Harich 1888 zur Welt. Johann Gottfried Herder auch, aber schon 1744. Das soll Walther sehr stolz gemacht haben, so Sohn Wolfgang. In Wuthenow verstarb Walther Harich im Jahr 1931. Dazwischen lagen Lebensstationen wie Allenstein, Freiburg im Breisgau, München, Leipzig, Königsberg und Berlin. Im Ersten Weltkrieg verschlug es ihn nach Litauen. In Gohlungen fließen Mohrungen und Allenstein wohl zusammen. Die lockenden Wälder ringsum, die Lage an einem See, die liebe Not mit dem Wasserspiegel, das gezielte Absenken – das weckt in Neuruppin und Umgebung Assoziationen. Im Jahr 1923 in Königsberg von Anne-Lise Harich, geborene Wyneken, Walthers zweiter Frau, zur Welt gebracht, war Wolfgang um das Jahr 1925 herum noch zu jung, um den Vater beim “Aufstieg” am Schreibtisch genau zu beobachten. Aber über das Leben in Wuthenow ist von ihm viel zu erfahren.
“1.303.000 Arbeitskräfte wanderten nach Westdeutschland ab”, schreibt Marianne Jabs-Kriegsmann in einer literaturgeschichtlichen Studie über Walther Harichs Werke. Die Zahl bezieht sich auf die Entwicklung in Ostpreußen in der Zeit um 1880, gerne Gründerjahre genannt und von Erfindergeist, Industrialisierung und kapitalistischer Modernisierung geprägt, etwa durch Aktiengesellschaften. “Der Aufstieg” ist in der Provinz angesiedelt, eben in der noch recht heilen Welt von Gohlungen. Doch selbst da rumort es. “Man muss Fabrik werden, oder man ist verloren”, heißt es von einem Druckereibesitzer. Gohlungen, jetzt Garnisonsstadt, könnte endgültig alles Beschauliche und Ansehnliche verlieren. Die Landwirtschaft marktwirtschaftlich betrachtet, der Staatsapparat rationalisiert, die Schulen lebensbezogen und versachlicht. Vorbei die oft noch auf adelige Köpfe beschränkte Juristerei. Vielschichtiger die Gesellschaft.

abfotografiert aus Wolfgang Harich; Ahnenpass – Versuch einer Autobiografie
In der Presselandschaft waltet diese Art Fortschritt schon – man fusioniert, man expandiert. Die eigene Familiengeschichte der Harichs und Wynekes spiegelt sich ein wenig. Es wird erzählt und geredet in Gohlungen, geraunt und gemutmaßt. Der leiblose Erzähler hat sein Ohr nah am Menschen. Er selbst weiß viel, erzählt aber nicht alles. Als Vorbild sollen Thomas Manns “Buddenbrooks” gedient haben. Hermann Hesse wurde auch geschätzt.
Plötzlich ist mit dem Aufstieg Schluss. “Wenn doch nur mit Paula alles schön glatt ginge!”, liest man über Mutter Ambrus’ Gedanken und hört, wie eine Spieldose “O du fröhliche” spielt. – Einfache Mechanik, kein Engelsgesang. Schluss, Punkt. Eigentlich nur für’s Erste. Doch dabei blieb es, auch wenn Motive und Themen in andere kleinere Werke wanderten.
Jabs-Kriegsmann ist sich sicher, dass “Der Fortschritt” Harichs bestes Werk mit autobiographischen Bezügen geworden wäre. Wolfgang Harich wird in “Ahnenpass” indessen von einem “Torso” sprechen. Das Kompliment lebt von Hoffnung, das Verdikt ist schlichtweg falsch. Es dauerte bis 1972. Dann erscheint “Der Fortschritt” in einem Zwergverlag in der sogenannten BRD, 150 Seiten stark und klar gegliedert. Bisschen viel Milieu, bisschen wenig Handlung.
Erfolg und gute Einkünfte hatte Walther Harich zu Leb- und Lebemannzeiten mit sogenannter Unterhaltungsliteratur. Ein schönes Leben, ein gewisser Lebensstil, etwas Geselligkeit – das könnte in Gohlungen für die Familien verloren gehen durch Strukturwandel. Rechnen musste Walther Harich auch, schon wegen der Kinder aus zwei Ehen. Alles ward gut, als es aus dem Hugenberg-Konzern eine gewaltige Nachzahlung gab, die ihren Grund in der Inflationszeit gehabt haben soll. Die Harichs können sich, selbst seit 1926 in Berlin Tempelhof wohnhaft, plötzlich einen Traum erfüllen: “In kurzer Zeit stand unsere Familie materiell glänzend da”, schreibt Wolfgang Harich im “Ahnenpass”. Die Villa am See, das weite schöne Gelände, etwas Personal, der Chevrolet…

Foto: VHS
Sein marxistisches Werkzeug lässt der Sohn nicht im Bücherregal, als er Jahrzehnte später Rückschau hält. “Im Vertrauen auf eine normale Lebenserwartung hatte (mein Vater) geglaubt, es sich eine Zeit lang leisten zu können, der Vermarktung der Literatur, ihrer Depravierung zur Ware Konzessionen zu machen.” So war Walther Harich hinter den “Aufstieg” zurückgefallen. Gegen weltferne Idylle hatte er da noch den kontaktfreudigen Erzähler sagen lassen: “Menschen bringen Verwicklungen und Unruhe.” Das braucht Literatur. Und das Leben sowieso. Nur Wuthenow, das war zu wenig für ein modernes Romanleben. Wie der Luxus sich auf den Sohn und seinen dramatischen Lebensweg auswirkte, wäre ein weiteres Thema.
Zu Recht klammert Wolfgang Harich “Die Primaner” (1931) aus bei seiner Kritik am Spätwerk. Ein bedenkenswerter Roman mit historisch-politischer Relevanz! Walther Harich war eben trotz der geldwerten Betäubung doch noch so geistesgegenwärtig, dass er die aufkommende Gefahr sah, die im völkischen Ungeist steckt und in den aufmarschierenden Nazis. Und Schülernöte hatte er noch nicht vergessen. Gerade deshalb der krasse Satz im Roman: “Schüler erschießen sich manchmal.”







