Das Alte Gymnasium Neuruppin im Hitzesommer 2026
Als 2023 im Museum die Jüdische Miniatur von Andreas Jüttemann und Benjamin Kuntz über den am 12. Juli 1882 in Neuruppin geborenen Psychologen Walter Blumenfeld vorgestellt wurde, war ganz kurz von der Idee die Rede, eine Straße mit seinem Namen zu versehen. Nun hat man seitens des Departments Psychologie der Hochschule Brandenburg immerhin einen ersten Schritt getan, indem der genutzte Gebäudeflügel des Alten Gymnasiums seinen Namen trägt. Bei einer kleinen Feierlichkeit aus diesem Anlass war auch Bürgermeister Nico Ruhle zugegen.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
Professor Hans-Uwe Simon, der Präsident der Medizinischen Hochschule Brandenburg, konnte mit Freude zur Kenntnis nehmen, dass aus dem fernen Peru der Psychologieprofssor Tomas Caycho-Rodriguez zugeschaltet war. Walter Blumenfelds Wirkungskreis lag ab 1935 primär in dem südamerikanischen Land. Die Nationalsozialisten hatten 1934 in Dresden die Entlassung aus dem Hochschuldienst verfügt. Der völkische Ungeist schritt voran.
Gemeinsam mit seiner Frau Margarete wählte Blumenfeld im Sommer 1935 nach kurzen Stationen in der Schweiz und in Frankreich das Exil in Peru. Eine Tätigkeit in seinem Berufsfeld lockte – noch ohne Sprachkompetenz im Spanischen. So wurde Lima die neue Heimat. Dort verstarb Walter Blumenfeld am 23. Juni 1967.

Tomas Caycho-Rodriguez betonte, dass sich die Psychologie in Peru immer noch in der Tradition von Blumenfeld sieht. Er war des Lobes voll. Andreas Jüttemann schilderte knapp den Werdegang und die späteren beruflichen Schwerpunkte, Stichwort Psychotechnik. So war Blumenfeld zum Beispiel beteiligt an der Entwicklung von berufsbezogenen Testverfahren. Um die Möglichkeiten des Missbrauchs durch Manipulation wusste er. Jüttemann wies auch auf den Blumenfeld-Würfel hin. Der Mann hatte eben einen Namen (zu verlieren).

Sein Werk “Jugend als Konfliktsituation” konnte 1936 noch in einem jüdischen Verlag in Berlin erscheinen, doch 1938 wurde eingestampft, was noch zu ergattern war. Die Hochschule verfügt über eine Originalversion. Grundlage sind Vorträge von Blumenfeld in Leipzig vor jüdischen Lehrkräften, die vor einer völlig ungewissen Zukunft standen. Die gedruckte Fassung enthielt eine Ergänzung mit dem Titel “Das jüdische Kind”. Im Mittelpunkt steht allerdings wieder das Jugendalter. Es wird als Herausforderung gesehen – geprägt vom zunehmenden Antisemitismus.
Byron Carrasco, ein Musikpädagoge aus Berlin, gab am Ende peruanische Musik an der Gitarre zum Besten. Und selbst die kleinen Köstlichkeiten auf den Tischen hatten etwas von südamerikanischer Würze, von den Temperaturen an diesem Nachmittag ganz zu schweigen. Dass Walter Blumenfeld selbst offen war für moderne Lyrik, zeigt seine Studie „Sinn und Unsinn” aus dem Jahre 1933. Für Yehuda Sebba schwärmt er geradezu, wissend, was Groteske und Nonsens bewirken können. “Hass mich” als Liebeslied, das hätte dem liebenswerten Mann gewiss gefallen. Er weiß, dass man sich selbst als Komiker mit Mut zur Groteske immer wieder “in den Bann des Sinnes ziehen” lässt.

Fotos: VHS
Eine von Blumenfeld im Jugendwerk wiedergegebene Anekdote kann erheitern und zugleich tief erschüttern: “Ein kleines Mädchen wagt auf der Straße nicht, an einem Pferd vorbeizugehen, das mit seinen Vorderhufen auf dem Bürgersteig steht. Ihre Schwester sagt zu ihr: ‚Geh doch, das Pferd weiß ja nicht, dass wir jüdisch sind.‘“ Andreas Jüttemann schilderte auch kurz das Schicksal anderer Angehöriger. Es waren mehrere Opfer des Holocaust darunter. An Fritz Blumenfeld, den Bruder, und dessen Ehefrau Edith erinnern in Berlin-Wilmersdorf Stolpersteine.
Für Studierende des Fachs Psychologie kann Walter Blumenfeld sicherlich eine wichtige Leitfigur im 21. Jahrhundert werden. Sein Wort von der „kompliziert gewordenen Welt“ lässt sich 90 Jahre später gut weiterdenken. Der junge Mensch sollte Herr seiner Zukunft werden, wünscht er 1935 ausdrücklich und im Hinblick auf Diskriminierte besonders. Dass er nicht etwa nur an Jungen denkt in Fragen der Adoleszenz, also an die leidige Dominanz, das zeigen die zu Rate gezogenen wagemutigen Tagebuchauszüge von Mädchen. Fast alles Aufgegriffene ist antiquarisch noch zu haben.
Insider wissen jetzt, dass Walter Blumenfeld in der damaligen Friedrich-Wilhelm-Straße 41 aufwuchs. Aber die vielen anderen Menschen, die täglich an dem Haus in der heutigen Karl-Marx-Straße vorbeigehen und eigentlich mehr im Sinn haben als Einkauf oder Kaffeetrinken, ganz abgesehen von den nicht wenigen Touristen und Touristinnen? Andreas Jüttemann und die Akteurinnen vom Fachbereich Psychologie haben einen wichtigen Anfang gemacht, wo Walter Blumenfeld im Jahr 1900 die Reifeprüfung ablegte. Gut, dass auch Studierende bei der kleinen Feierlichkeit dabei waren.
