Von: macron
Rund 50 Interessierte folgten am 18. September 2025 der Einladung in den Ratssaal der Fontanestadt Neuruppin, um über die Zukunft der kommunalen Wärmewende zu diskutieren. Eingeleitet und moderiert wurde die Veranstaltung von der stellvertretenden Bürgermeisterin Daniela Kuzu, die den Abend eröffnete und das große Interesse an der Thematik hervorhob.
Organisiert wurde die Veranstaltung gemeinsam von der Fontanestadt Neuruppin, dem Klimabündnis Brandenburg, dem Verein Klima und Alltag sowie dem Unabhängigen Institut für Umweltfragen (UfU). Ziel war es, Bürgerinnen und Bürgern ebenso wie Fachleuten Einblicke in laufende Projekte und Herausforderungen zu geben – und vor allem den Dialog über die Wärmewende in Neuruppin zu vertiefen.

Foto macron
Stadtwerke als Motor der Transformation
Den Auftakt bildete ein Fachgespräch mit den Stadtwerken Neuruppin. Geschäftsführer Guido Gerlach und der technische Leiter Artur Dzasokhov stellten das laufende Geothermie-Großprojekt vor. Bereits seit den 1980er-Jahren existieren geologische Aufschlüsse in Neuruppin, die nun Grundlage für das Projekt sind.
Geplant ist, dass die Anlage ab Oktober 2026 in Betrieb geht und bis zu 75 Prozent des städtischen Wärmebedarfs klimaneutral decken kann. Das Thermalwasser wird in über 3.000 Metern Tiefe gewonnen und über Wärmepumpen aufbereitet. Ergänzt wird die Versorgung durch Biomasse und KWK-Anlagen, die etwa 20 Prozent des Bedarfs abdecken. Mit dem neuen System sinken die CO₂-Emissionen von derzeit rund 234 Gramm pro Kilowattstunde auf 87 Gramm – ein Wert, der perspektivisch noch weiter fallen könnte.
Gerlach betonte, dass Neuruppin durch den frühzeitigen Ausbau der Fernwärme einen erheblichen Standortvorteil habe: „Wir können quasi den Schalter umlegen und sofort dekarbonisieren – das gelingt anderen Städten nicht so einfach.“
Wärmeversorgung außerhalb der Kernstadt
Ein wichtiger Punkt in der Diskussion war die Versorgung der Ortsteile, die nicht an das Fernwärmenetz angeschlossen werden können. Hier setzen die Stadtwerke auf dezentrale Lösungen. Möglichkeiten reichen von oberflächennahen Wärmepumpen über die Nutzung von Abwärme aus der Kläranlage bis hin zu Quartierskonzepten für dicht bebaute Straßenzüge. Bis spätestens 2028 soll die kommunale Wärmeplanung konkrete Antworten liefern. „Für die Innenstadt haben wir mit der Geothermie eine ideale Lösung. Für die Ortsteile braucht es maßgeschneiderte Konzepte – und die erarbeiten wir Schritt für Schritt“, hieß es von den Stadtwerken.
Soziale Dimension der Wärmewende
Im zweiten Gespräch stand die soziale Verträglichkeit im Vordergrund. Rechtsanwalt Dr. Falko Drescher stellte ein Gutachten vor, das die rechtlichen, sozialen und ökonomischen Herausforderungen der Wärmewende in Brandenburg untersucht. Er warnte davor, dass steigende Investitionskosten nicht zu Lasten von Mietern oder einkommensschwachen Haushalten gehen dürften. „Die Wärmewende darf niemanden verdrängen oder überfordern“, mahnte Drescher und forderte klare politische Rahmenbedingungen.

Foto: macron
Investitionen als Motor
Besonders eindrücklich machte Cindy Prager vom Unabhängigen Institut für Umweltfragen (UfU) deutlich, dass die Wärmewende nicht nur eine ökologische, sondern auch eine wirtschaftliche Chance ist. Im Rahmen des Projekts Building Dialog präsentierte sie Berechnungen, nach denen bereits eine moderate Erhöhung der Sanierungsquote zu Millionenbeträgen an zusätzlicher Wertschöpfung führen könnte – durch Aufträge an lokale Handwerksbetriebe, gesicherte Arbeitsplätze und höhere Steuereinnahmen für die Kommune.
„Jede Sanierung ist auch eine Investition in die Stadt selbst“, betonte Prager. Entscheidend sei, dass Kommunen aktiv Anreize setzen, etwa durch Beratungsangebote, Gutscheine oder Beteiligungsmodelle. Nur so könne die Wärmewende Akzeptanz gewinnen und gleichzeitig Wirtschaftskraft vor Ort binden.
Ergänzende Perspektiven
Dr. Uwe Lüttgens vom Verein Klima und Alltag knüpfte an Pragers Ausführungen an. Er machte deutlich, dass eine gesteigerte Sanierungsquote auch die kommunalen Haushalte direkt entlaste. Durch zusätzliche Gewerbesteuern und Einkommen könne die Wärmewende langfristig zu einem finanziellen Plus für die Stadt werden.
Magdalena Eder vom Klimabündnis Brandenburg wiederum betonte die Rolle von Dialog und Kooperation. „Die Wärmewende ist ein Gemeinschaftsprojekt. Es braucht Brücken zwischen Politik, Stadtwerken und Zivilgesellschaft“, sagte sie. Ziel müsse es sein, Vertrauen zu schaffen und die Bevölkerung aktiv einzubeziehen.
Bürgerdialog als Schlüssel
In der offenen Diskussion wurde deutlich, dass viele Bürgerinnen und Bürger noch Orientierung und Planungssicherheit suchen. Themen waren die künftige Rolle der Kommunen, Beteiligungsmodelle für Bürger, aber auch Unsicherheiten durch wechselnde Bundesgesetze. Mehrfach wurde betont, wie wichtig Transparenz, Beratung und Beteiligung seien.
Fazit
Neuruppin zeigt mit dem Geothermieprojekt, dass die Wärmewende konkret und lokal umgesetzt werden kann. Gleichzeitig wurde deutlich: Die Transformation ist nicht nur eine technische Frage, sondern auch ein soziales und wirtschaftliches Gemeinschaftsprojekt. Mit den Stadtwerken als starkem Partner, flankiert durch Expertise aus Wissenschaft und Zivilgesellschaft, ist Neuruppin gut aufgestellt, die Wärmewende Schritt für Schritt umzusetzen.

