Vernissage als Werkstattgespräch – Uschi Jung in der Schinkel-Gesellschaft

KunstSchauFenster heißt das Format. Die Schinkel-Gesellschaft gibt Künstlerinnen und Künstlern Gelegenheit, sich zu präsentieren. Die Vernissage zur Ausstellung von Uschi Jung wurde zum Werkstattgespräch. Das Wort von der “Irritation” war der Ausgangspunkt. Denn Uschi Jung will irritieren, wie sie sagt. Warum, das konnte sie irritierend gut erklären.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Als Moderator machte Otto Wynen, der dem Vorstand der Schinkel-Gesellschaft angehört, keine Geheimnis daraus, dass Uschi Jungs Werke verwirren, aber auch faszinieren, betören. “Konstrukte versus Spiel” ist die Ausstellung betitelt. Bis zum 15. Mai 2026 kann man sich noch verwirren lassen, freitags von 14 bis 17 Uhr, samstags von 12 bis 17 Uhr und sonntags von 15 bis 17 Uhr. Kalender haben System. Doch Ordnung und Chaos, Regelmäßígkeit und Zufall, System und Spiel prägen zusammen den Lauf der Zeit, den Gang der Dinge, die Tage des Lebens. Herzrhythmus – auch solch ein pulsierendes Beispiel. Selbst die Farben kann man ordnen. Wie, das kann man studieren. Aber wie sie wirken auf Menschen, das hängt von Faktoren ab, die sich bis heute einer Systematik entziehen.

Gut, wenn man die Ausgabe der Wochenzeitung noch unbefleckt vor sich hat.

Otto Wynen möchte wissen, was er Besuchenden sagen kann über Sinn und Hintersinn. Er möge die Gäste ermutigen, sich darauf einzulassen. Emotionale Reaktionen zuzulassen. Uschi Jung hadert mit strenger Ordnung. Mit Schemen und Klischees. Umso eindrucksvoller, wie sie sich der massiven Ordnung eines Hochhauses hingibt. Das Empire State Buildung hat sie ins Visier genommen. Bei Schinkel besonders reizvoll.

Johannes Bunk im Wirkungskreis einer “Zeit”-Variation; gegenüber die zweite.

Doch zuerst zur Wochenzeitung “Die Zeit”. Es ging erst vor wenigen Tagen um Ahnenforschung der besonderen Art. Verstrickung der eigenen Familie ins NS-System war das Thema. Es darf endlich voll und ganz in den Abgrund geblickt werden. Zeitungsseiten hat die Künstlerin aufgeklebt. Dann gab’s wohl kein Halten mehr. Bis tief in die Nacht. Die Ergebnisse sind an den Wänden zu sehen. Galerist Johannes Bunk duckt sich nicht unter der Wucht. Geli Schulze, als Künstlerin etwas anders gestrickt als Uschi Jung, sitzt auf der anderen Seite. Nicht nur diese beiden Gäste erleben die Art, wie Uschi Jung künstlerisch agiert, als inspirierend. Als berührend. Und eben irritierend. Was in der “Zeit” steht, ist nicht mehr zu erkennen. Nur Stichworte. Halbe Schlagzeilen.

Ein letztes Aufbäumen? Die Topfpflanze lebt noch. Und der Wolkenkratzer?
Fotos: VHS

Dann der Wolkenkratzer. Jemand hatte wohl klammheimlich eine sterbende Pflanze hinzugestellt zwei Tage zuvor. Und gestaunt, wie sie fast aufblüht vor dem Schema des Hauses. Schnell ein Foto! So hat sich die Künstlerin das Ensemble allerdings nicht vorgestellt. Sagt sie im Werkstattgespräch. Raumwahrnehmung wird zum Thema. Auch der Mut, sich malend in Räume zu begeben. Und sich überraschen zu lassen von Tiefe und Atmosphäre.
Bei Schinkel wird derzeit diskutiert, wie die Räumlichkeit der Gesellschaft in der Fischbänkenstraße fürderhin gestaltet werden soll. Jedes KunstSchauFenster ist anders. Die vielen Bücher rufen nach Ordnung. Das Spielfeld der Künste braucht Freiraum. Schon Stühle prägen das Bild. Ein aufschlussreicher Abend. Wortwörtlich…

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