Befleckte Montage eines Plakats zum Blendwerk “Uli rettet Deutschland”.
“Der ganze Osten wird blau”, berauscht sich AfD-Frontmann Björn Höcke in dem Comic “Uli rettet Deutschland” aus der COMPACTEdition. Tannwald Media nennen sich die Täter. Sie tun nicht viel mehr, als die Person Ulrich Siegmund und die Programmatik der AfD für die ersten Tage der Rettung von Sachsen-Anhalt nach der Wahl im September in Szene zu setzen – vermutlich mit KI auf der Grundlage von Fotografien.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
Anders als üblich in der Kunstwelt der Comics gibt es nach 40 arg klischeehaften Bildseiten noch eine Verständnishilfe. Die ist teils geradezu sanftmütig, friedfertig. Fangen wir mal ganz unten an. Da sitzt ein Mädchen im Grundschulalter daheim in der Küche neben der Mutter am Tisch und setzt gerade den Bleistift an, als wollte sie was schreiben. Nicht mit einem deutschen Füllfederhalter von Pelikan? Vor dem Kinde liegt ein offenes Ringheft, davor ein aufgeschlagenes Buch. Die Mutter gibt einen Fingerzeig aufs Heft und sagt aller Welt per Sprechblase: “Ich unterrichte meine Tochter jetzt zu Hause.” Sie wirkt extrem entspannt. Ob das der Vater des Kindes ist, der da so glücklich hereinschaut vom Flur aus? Läuft doch. Und gewiss nicht nur mit einem Kind. Frau Mutter sagt auch noch: “Ein Experte vom Schulamt kommt ab und zu vorbei und kontrolliert die Lernergebnisse.” Wie soll das für den Amtmann möglich sein bei gleichzeitigem Bürokratieabbau? Und was ist, wenn der verantwortungslose Humbug Schule macht in ganz Sachsen-Anhalt und dann in Ostdeutschland minus Berlin und dann in Restdeutschland? Und welche Kriterien gelten für welches Pensum in den Altersstufen der Schullaufbahn? Der AfD ganz und ungar ergeben, schließt Frau Mutter parolenhaft: “Bildungspflicht statt Schulpflicht!” Wäre sie gebildet, etwa durch Lektüre von Immanuel Kant, Wilhelm von Humboldt und Karl Marx, wie Peter Menck sie anregt in “Geschichte der Erziehung” bis zur polytechnischen Oberschule in der DDR, könnte sie kaum so schlicht populistisch kontrastieren.
Das Obst auf der Anrichte sieht aus wie in einem Möbelhaus. Nirgendwo im Raum ein Fleck, kein Schmutz. Dass das Mädchen Lila trägt, überrascht. Aber Uli, der Retter, der Softie, der Smiley, der Schmusekater, der Freund, trägt ja auch gerne Jeans und ist wahnsinnig locker und nahbar, fast wie ein Nachbar. Und er liebt sich, so wie er ist. Oder wie er rüberkommen will intermedial im Netz. Ach, ja: Das Mädchen muss doch noch den Satz für Onkel Uli sagen, der zeigt, wie schnell sie daheim auf Kurs gebracht werden konnte: “Finde ich gut von der AfD!” Man weiß ja, wie leicht sich Kinder mit Abk. tun, gerade wenn es um Parteien geht. Vielleicht sind diese untätowierten Eltern des armen einsamen Daheimkindes ja auch schon länger PG?

Doch blicken wir bitte auch mal ganz nach oben: “Absolute Mehrheit” steht auf einem ins Bild gesetzten Schild zur Schicksalswahl. Darunter die phantasierten Zahlen und Farben der Parteien. Alice Weidel, Tino Chrupalla und Björn Höcke stoßen an. Kein Deutscher Sekt unter dem Banner “Wahlsieg!”? In Berlin im Bundestag geht’s dann rund Mitte September. Der neue Kanzler heißt Hendrik Wüst (CDU), auch dank der Stimmen von Grünlingen.
“10 Thesen zum Sofortprogramm” nagelt derweil Ministerpräsident Siegmund an eine historisch anmutende Kirchentür. Leider kann man sie nicht lesen. Luther wäre das wichtig gewesen. Aber es gibt ja reichlich Gemaltes und Sprechgeblasenes. “Heute haben wir den Austritt Sachsen-Anhalts aus dem zwangsfinanzierten ÖRR-System auf den Weg gebracht”, sagt Siegmund am Rednerpult im Parlament. Wieso? Zu wem? Hat’s niemand bemerkt? Zu sehen ist nur die rechte Seite des Parlaments. Sehr ungeschickt angelegt! Das weckt Fragen nach dem Verbleib der Opposition. Darunter Arbeitsscheue. Also die bewährte deutsche Methode? Der größte Witz sind natürlich die Sitzungen der AfD-Landesregierung auf einem öffentlichen Platz. NIUS würde die Welt gewiss teilhaben lassen am Geplaudere auf dieser reinen deutschen Männerbank.
Doch blättern wir noch ein bisschen. Und studieren wir, was dräut. Ein wuchtiger Flieger zeigt die undeutsche Aufschrift “REMIGRATION”. Die Aktion wird am Boden in Schwarz-Rot-Gold bejubelt. Dann andererseits Asylbewerber. Sie sitzen vor einer Asyluntenunterkunft auf Koffern. Hochsymbolisch. Junge deutsche Menschen ziehen ein. Das Glück wartet. Das Unglück interessiert nicht. Asylgründe schon gar nicht. Ulis Trikolon “Bett, Brot und Seife” hallt nach.
Auf einem Kriegsgräberfriedhof spricht der junge Landesvater zu noch jüngeren mannhaften Landeskindern: “Verweigert den Wehrdienst, solange Deutschland keine friedliebende Regierung hat.” Das Grundgesetz kennt er eben nicht so genau. Der Weg in den Analphabetismus geht noch weiter. Der junge Landesvater ist in Beijing. Auf dem Platz des Himmlischen Friedens verkündet er nach einem Gespräch mit einem wichtigen Funktionsträger, dass die Chinese Industry Corporation 10 Milliarden Euro in den Braunkohleabbau investieren werde. Echt? Man arbeite daheim an der “Energieautarkie”. Da weiß man die Chinesen natürlich auf der rechten Seite. Einfach toll! In der Erdgasfrage ist die Konzeption ähnlich verträumt. Der Tino, der ist nämlich mal kurz in Moskau. Einfach mal reden. Das ist ja so wichtig. Egal, über was. Gut, nicht über die Ukraine, der sich auch Notkanzler Wüst im Comic unverwüstlich wie blöd unterwirft.
Im schönen Schwerin brennt derweil das AfD-Quartier lichterloh. Ganz bald sei Wahltag. Vor dem Haus sind Vermummte zu sehen. Und Fahnen. Im Kampfmodus sind die Bilder irgendwie nicht ganz so schlecht wie sonst. Es ist Antifazeit. Nein, nicht die Maurer von 1961 ohne Plan und Absicht. Ein gesichtsbekannter Reporter aus dem Dunstkreis der AfD zeigt sprechblasend, wo er steht: ”Die Antifa verbreitet Angst und Schrecken. Das wird die AfD nicht aufhalten.” Voll sachlich, der junge Mann. Könnte womöglich bald beim Patriotischen Rundfunk PRAFD als Sprechbläser anfangen.

Fotos: VHS
Von der Amadeu Antonio Stiftung gibt es seit Mai 2026 ein Szenario mit dem Titel “Rechtsextremes Regieren”. Es zielt hypothetisch auf jenen Fall, imaginiert AfD-Exekutivaktivität, gewiss um diesen Sündenfall noch zu verhindern. Basis ist die Programmatik der AfD in Sachsen-Anhalt. Für die Deutsche Welle hat der in Neuruppin lebende Journalist Benjamin Bathke daraus einen hörenswerten Radiobeitrag entwickelt. Der ist abrufbar im Netz. Große Sorge prägt die Debatte über ungezügelte Gefährder der Demokratie, als Partei laut GG und BVerfG zu Recht privilegiert. Die rechtspopulistische Partei selbst bevorzugt bislang oft lieber den Opferstatus. Uli weniger.
Die irrsinnig flache Heilsgeschichte “Uli rettet Deutschland” lag im Mai 2026 noch nicht vor. Aber jetzt. Ehepaar Elsässer zeichnet verantwortlich. Im Bildwerk wird etwas gezeigt, was der NSDAP 1933 reichlich zu schaffen machte: Eine Welle Eintrittswilliger rollt an nach den Erfolgen der AfD. Man steht Schlange, natürlich brav in Glied und Reihe. Opportunisten? Es ist “Begrüßungstag”. Ob’s das im kleinen Land Oldenburg nach der ersten gewonnenen Landtagswahl im Jahr 1931 auch gab? In der bildungsbeflissenen jüngsten Ausgabe von “ZEIT Geschichte” lässt sich einiges nachlesen und betrachten im Hinblick auf “WEIMAR – Das langsame Sterben einer Demokratie und was wir daraus lernen können”.
Im Rettungscomic mit Uli sagt ganz vorn in der Eintrittsreihe ein Mittelalter in pausbäckiger Hochstimmung eigentlich alles: “Endlich eine Partei für Deutschland.” Kinder und Jugendliche strahlen auch eine Seite weiter. Die heillose Regenbogenzeit geht an den Schulen von S-A endlich zu Ende. Nicht auszudenken, “Uli” wäre ureigentlich als “Ulrike” zu lesen, herselfie so weichgespült und voll kussnah am Handy…







