In Leipzig im Gefängnis? Eva Strittmatters Bruder Udo, der große Unbekannte

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Drei Kinder hatten Hedwig und Fritz Braun. Zwischen den Geburten von Wolfgang, Eva und Udo liegen dreizehn Jahre. Die Materiallage macht es unmöglich, sie posthum gerecht zu behandeln. Aber zumindest über Udo lässt sich einiges sagen, sogar noch über das hinaus, was die berühmte Schwester verlauten ließ zu Lebzeiten.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

“Mitarbeit an der Auswahl von Texten und Abbildungen: Udo Braun” – kleingedruckt, aber nach oben gerückt stehen diese Worte auf der Innenseite des großartigen Werks “Die Französische Revolution – Bilder und Berichte 1789 – 1799”. Der Band vollendete die Jahrzehnte währende Arbeit des DDR-Historikers Walter Markov an diesem Thema. Er erschien 1989 beim Verlag Philipp Reclam jun. in Leipzig. Udo Braun war dort schon lange als Lektor tätig, Schwerpunkt: Geschichte.
Dass der 1939 geborene Journalist 1987 einen Ausreiseantrag in die sogenannte BRD gestellt hatte, wusste man wohl nicht im Verlag. Oder es war schon nicht mehr wichtig in der Stadt der friedlichen Revolution. Am Tag des Mauerfalls sollte Bruder Udo schon paar Wochen im Westen sein. Wolfgang, der 1926 geborene ältere Bruder, sei 1944 in Frankreich zu den Amerikanern übergelaufen, erzählt Eva Strittmatter im Gespräch mit Irmtraut Gutschke. Was folgt, ist zum Teil vollkommener Unsinn. Dass Wolfgang mit seinen eigenen Söhnen nicht über den Übertritt habe sprechen wollen, wird so erklärt: “Im Westen galt es als Schande. Deserteure waren Vaterlandsverräter.” Im Familienfall mochte das stimmen. Doch so pauschal werden die Worte falsch. Kaum ein Theaterstück hatte in der BRD solch einen Erfolg wie Wolfgang Borcherts “Draußen vor der Tür” aus dem Jahre 1947, ursprünglich in Hamburg als Hörspiel angelegt. Borchert selbst war nicht Deserteur. Er verstümmelte sich. Wollte kriegsuntauglich werden. Richtig ist, dass es alten und jungen Rechtsextremen sicher nicht recht war, den heiklen Stoff sogar in den Lehrplänen einzelner Bundesländer zu sehen.
Was Udos Lebensweg anbelangt, weiß man aus dem Gutschke-Buch und aus dem Sammelband “An den Grenzen des Möglichen” (2016), wie wichtig das Verhältnis der “Strittmatters” zum langjährigen Reclam-Verlagsleiter Hans Marquardt gewesen sein muss. “Wenn Schwager Udo aus dem Gefängnis heraus sei”, so erinnert sich Eva Strittmatter an Worte, mit denen Erwin diesen Marquardt nach einem Leipziger Messe-Treffen zitiert, “solle er sich unbedingt bei ihm melden, er würde ihn wieder einstellen.” Udo hatte die Aufgaben eines Handelsreisenden bereits kurze Zeit wahrgenommen. Prozess und Haft standen also einer Fortsetzung und daran anschließender Beförderung zum Lektor nicht im Wege. Gesundheitlich hatte Udo Braun schon länger Probleme.

Jean Paul Marat als Redner – bei Reclam 1989 gern gesehen.
(abfotografiert aus: Walter Markov (Hg.); Die Französische Revolution – Bilder und Berichte 1789 – 1799; 1989)

Wegen irgendwelcher politischer Witze in Sachen Mauerbau, die ein Zimmerkumpel 1961 weitergegeben habe, sei Udo inhaftiert worden. Durch Beziehungen zu Rechtsanwalt Friedrich K. Kaul und natürlich nicht ohne “Vorkasse” bekommt die Schwester ihn zunächst frei, den Prozess und das Urteil kann sie nicht verhindern. Ein Teil der Gefängnisstrafe wird abgesessen, wie man so sagt. Andere Verwicklungen folgen.
Bei Reclam ist es später kein Geheimnis, dass Lektoren von der Gnade Marquardts leben, Udo Braun womöglich besonders. In den zwei Bänden von Markov, die den Titel “Revolution im Zeugenstand” tragen, wird Braun 1982 nicht als Lektor genannt. Die Materialien sind aber die Basis für das Prachtbuch von 1989. Einiges wird aufgenommen. Bei der Vorbereitung durfte Braun auch lesen: “Die Revolution frisst ihre Kinder…” Es muss abenteuerlich für ihn gewesen sein, die Debatten jener Revolutionsjahre über die Revolution, die Beschlüsse, die Irrtümer, die Weisheiten mit den Augen eines kritischen DDR-Intellektuellen zu lesen. Worte Jean Paul Marats aus dem Jahr 1793 hat das Team um Udo Braun ausgewählt: “Wenn diese Volksvertreter das in sie gesetzte Vertrauen brechen, wenn die Nationalversammlung den Staat in Gefahr bringt, statt ihn zu schützen, dann, Bürger, muss sich das Volk selbst retten.” Marat wurde kurz darauf ermordet.
Dass Bruder Udo den “Strittmatters” verbunden blieb, zeigt die Tatsache, dass er 2012 die Einladung zu einem Schulprojekt in Hermsdorf annnahm. Es ging um den 100. Geburtstag von Erwin. Eva war 2011 verstorben.

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