Klares Profil, wechselvolles Leben: Kurt Tucholsky.
Von den Jahren, die Kurt Tucholsky in Frankreich verbracht hat, ist eher selten die Rede. Das kann sich nun ändern. Leif Karpe und Tilmann Müller bieten mit ihrem Film “Tucholsky in Frankreich – Das Glück vor der Katastrophe” eine interessante Mischung aus Information, Dokumentation und Vertiefung. Gegenwartsbezug wird auch hergestellt. Und Gesang ist zu hören. Das Schlosstheater in Rheinsberg war recht gut besucht. Ein Gespräch von Tilmann Müller mit Peter Graf vom Tucholsky-Museum rundete die interessante Veranstaltung ab.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
Von 1924 bis 1929 war Kurt Tucholsky in Frankreich, meistenteils in Paris. Das Ergebnis: 1500 Artikel des Auslandskorrespondenten. Und das in einer Stadt voller Lebendigkeit, voller Verlockungen. Die Stunden an der Schreibmaschine sind ungezählt. Die Recherchearbeit auch. Nahaufnahmen von der Tipperei auf einer alten Olympia gibt’s zur Eröffnung. Was für ein Klang!
Tilmann Müller nennt die fünf Jahre später im Gespräch mit Peter Graf ein “freiwilliges Exil”. Es hatte Morddrohungen gegeben gegen den Wagemutigen. Und viel Vergeblichkeit, wenn die Ideale von 1918 Maßstab waren. Und die Lage war 1923 hochbrisant. Man denke nur an den Putschversuch von Adolf Hitler in München, an die horrende Inflation und an die Besetzung des Rheinlands durch Frankreich. Der Unterschied zur NS-Zeit und zum Exil des politisch Verfolgten, dessen Werke 1933 bei der Bücherverbrennung der Nazis auf der Liste standen, solle, so Müller auf Nachfrage, nicht unterschlagen werden.
Im Film geht es auch um die Ehe mit Mary Gerold. In Rheinsberg war er seinerzeit mit einer anderen Angebeteten gewesen. Nun also Mary. Nun also der zweite Versuch. Zunächst in Paris, ab 1929 in Berlin. 1933 ist auch offiziell Schluss. Scheidung. Im Film geht es primär um Tucholskys Blick auf Frankreich, auf die Franzosen. Zu Recht fragt Peter Graf später, ob der radikale Kritiker der Verhältnisse in Deutschland da nicht etwas vordergründig geblieben sei, wenn er Frankreich im Visier hatte.

Fotos: VHS
Man kann sich selbst einen Eindruck verschaffen. Arte bietet das Werk in der Mediathek an. YouTube bietet auch Zugang. Müller, der selbst als Journalist lange Zeit in Frankreich unterwegs war, formuliert keine Kollegenschelte. Er gibt zu bedenken, wie belastet Tucholsky gewesen sein müsse, als er im Frühjahr 1924 aufbrach. Er brauchte “Erholung von Deutschland”. Es lohnt sich, den unter 60 Minuten bleibenden Film zu betrachten, auch wenn ein befragter betagter in Frankreich lebender Germanist recht vordergründig bleibt. Plaudereien. Zwei Expertinnen gehen etwas tiefer, auch hinein in die Archive. Es wird im Film darauf hingewiesen, dass sich die Frage der “Blaupause” stelle, wenn man an Deutschland denke derzeit und an all die Herausforderungen.
Derart angestoßen, greift man nach dem Filmerlebnis daheim zu den nach Jahren gestaffelten Werken. Und blättert. Und sieht schon bald, wie breit und wie aktuell Tucholskys Schreiberei in Paris angelegt war. Zwei Beispiele, nicht aus dem Glücksfilm. “Für Krankenhaus und Arbeiterquartier ist kein Geld da”, lesen wir in einem Gedicht aus dem Jahr 1926 zu Steuerfragen. Zurückgeblättert. Zufallszugriff: “Wer das sieht und nicht schaudert, der ist kein Mensch. Der ist ein Patriot”, heißt es im Hinblick auf Fotos im Bildband “Krieg dem Kriege” von Ernst Friedrich. Krass, die Wortwahl. Tucholsky wirbt dafür, das Werk in Deutschland in Buchhandlungen zu erwerben.
Apropos Buchhandlungen: Dass das kleine Rheinsberg, anders als das doch etwas größere Berlin, immer noch eine Tucholsky Buchhandlung hat, ist ein Glücksfall. Im Film wird der traurige Tag der Schließung im Jahr 2025 gezeigt. Aber eben auch vieles ausgeklammert. Es muss sehr schwierig gewesen sein, sich für Schwerpunkte zu entscheiden. Klar wird, dass es Tucholsky um Verständigung ging, im Kleinen wie im Großen. Robert Stadlober wirkt mit Wort und Lied dabei mit, den Pariser Tucholsky dem Vergessen zu entreißen. Die weitere Parislektüre bleibt allen Interessierten überlassen.
In den Beifall am Ende der Veranstaltung wurden natürlich die für das Schlosstheater Verantwortlichen einbezogen. Sie hatten das Kinoangebot möglich gemacht.
