Impressionen vom zweiten Tag des Tucholsky-Literatur-Festivals 2026

Nach dem furiosen Auftakt am Freitagabend gab es beim 1. Tucholsky-Literatur-Festival am Samstag acht verlockende Angebote ganz unterschiedlicher Art. Ob außer Peter Graf und seinem tollen Team vom Tucholsky-Museum tatsächlich jemand vom Vormittag bis in den Abend unablässig mit dabei war? Und aufnahmefähig für all die Impulse? Tageskarten gewährten die Möglichkeit. Belassen wir es hier mal bei drei Besuchen.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Im Tucholsky-Museum stellte Paula Fürstenberg ihr eben erschienenes Werk “Niewiedervereinigung” vor. Peter Miklusz schlüpfte in der Remise am Schloss in die Rolle eines toten Soldaten und lud zum “Feldgrauen Kongress”. Im Seepavillon war Ricarda Messner zu Gast. Die Debütantin las aus dem Roman “Wo der Name wohnt”.
Füstenbergs “Zwischenrufe zur deutschen Einheit” sind allesamt Denkzettel. Selbst 1987 in der DDR geboren, geht die Autorin auf Begriffe und Parolen ein, auf Verheißungen und Enttäuschungen, auf Generationsspezifisches und Grundsätzliches und sie stellt zu Recht schon das Wort von der “Wiedervereinigung” in Frage. Wieder? Im Gespräch mit Friederike Frach vom Literaturrat Brandenburg wurde offenbar, dass hier keine feuilletonistische Arbeit vorliegt. Der Ton ist zwar oft locker und an kleinen Spitzen ist kein Mangel, aber aus Leid, Frustration und Schmerz wird kein Geheimnis gemacht. Dabei geht es der Autorin mit “Nachwendekindheit” nicht darum, der faschismuskritischen Parole “Nie wieder!” ein verharmlosendes “Warum nicht mal AfD?” entgegenzusetzen. Sie wagt oft einen 360 Grad-Blick, manchmal mit Rundumschlag. Überschriften wie “68 des Ostens, dritter Versuch” sind eigentlich mathematisch schön offen angelegt auf “n + 1”, doch die Autorin ist überzeugt: “Das 68 des Ostens ist in vollem Gange.” Im Auditorium hielten sich Ost und West etwa die Waage. Wer klatschte bei Absonderlichkeiten, konnte auf die Schnelle nicht aktensicher überprüft werden. Kostprobe: “Wir zünden bloß nichts an. Wir entführen und ermorden bloß niemanden.” Lässt sich schlichter über 68 und die RAF hallusionieren? Was Weitblick ausmacht, zeigten die Zwischenrufe zur “Westdeutschen Vergessenskultur” und zur “Ostdeutschen Vergessenskultur”. Nicht fehlen durfte an diesem Tag an diesem Ort “Gedächtnislücke Dritter Weg”, stand die Wendung doch für “einen Mittelweg zwischen dem zusammengebrochenen Sozialismus der SED-Diktatur und dem kapitalistischen System der BRD”. Die Autorin konstatiert wortgewaltig: “Der Dritte Weg wurde im Sturm der Geschichte überspült.”

Der Stand des rechtsextremistischen Dritten Weges weckt kaum Interesse.

Und was sind das dann für traurige Gestalten, die neben dem Oblisken als “Der III. Weg” die “Überfremdung stoppen” und die AfD noch toppen wollen? Nochmal Fürstenbergs Lexikon: “Seit 2013 eine neue rechtsextreme Kleinpartei als radikale Alternative zur NPD…” In Rheinsberg formierte sich als deutlich stärkere Gegenkraft aus der Zivilgesellschaft eine bunte Kundgebung auf dem Kirchplatz. Wie nah die Propaganda der paar Rechtsextremisten aus Wittstock an der Dosse an Satirematerial für Dossiers nach Art von Tucholsky liegt, zeigen die drei Leitworte: “National. Revolutionär. Sozialistisch.” Am Abend zuvor war zu hören, was Tucholsky als Ignatz Wrobel notierte: “Rührend ist an den Kirchturmnationalisten, dass sie alle wähnen, die gesamte Welt sei mit ihnen einig, bewundere, liebe und fürchte sie.” Vom Grauen und der Hölle im Wirkungskreis des “deutschen Grußes” war erst paar Jahre später die Rede.

Ein Spielgerät als schmerzhafte Erinnerung an einen gefallenen Sohn.

Um grauenvolle Erfahrungen ging es bei der Performance “Feldgrauer Kongress”. Peter Miklusz verriet später ohne Totenkopfmaske, dass er selbst Soldat gewesen sei, ebenso Vater und Großvater. Seinem Sohn, der in ein paar Jahren gemustert würde, sollte das erspart bleiben. Und die Wehrpflicht. Und jede Art Waffendienst.
Der Mann im Rampenlicht ist tot, aber lebensweise. Auf Bühnen geht das. Wenn er aufschreit, ist er sogar extrem lebendig. Eingerahmt von Militärmarschmusik wird gegen Kriegsgewinnler und Kriegstreiber gewettert. Kurt Tucholsky hat das Fundament geliefert. Zugleich geht es immer wieder um den einfachen Soldaten und seine Opfer. “Soldaten sind Mörder!”, könnte der Titel auch lauten – jene Worte Tucholskys, die schon Gerichte beschäftigt haben. Kurt war 1915 zum Waffendienst eingezogen worden. Radikaler, also bedingungsloser Pazifismus bricht sich Bahn. Die Argumentation der Abschreckung wird abserviert. Sie wirkt wie Spieltheorie und ihre Philosophie. Es fehlen Sicherungen, gerade angesichts von atomarer Hochrüstung, von Erstschlag und Vorwärtsverteidigung, von KI und Allmachtsphantasie gar nicht erst zu reden.
Im Verlauf der guten Stunde darf an Reichswehr, Wehrmacht, Nationale Volksarmee und Bundeswehr gedacht werden. Natürlich kennt Miklusz die Friedenspflicht laut Grundgesetz. Und das Leitwort der Menschenwürde. Gerade das hat ihn radikalisiert.
Die Wirkung seines Auftritts liegt in der Rollenübernahme. Opfer erhalten Stimme. Fast meint man Kinder weinen zu hören.
“Man muss mir nicht zustimmen”, sagt der Enttarnte ohne Helm. Erörtert wird allerdings nicht. Dialektische Argumentation geht anders. Der Kongress ist in Wahrheit ein Tribunal. “Die Wahrheit ist zumutbar”, wird Ingeborg Bachmann zitiert. Das Wort Wahrheit zu beanspruchen, erhöht die Fallhöhe. Wer es lieber etwas bescheidener mag, kann die künstlerische Leistung gleichwohl würdigen. Zur Strategie des Edelmannes gehört auch, keine Namen der Tagespolitik zu nennen. Kriegslärm und Geräusche der Verwüstung halten nicht alle Gäste aus an diesem Vorabend. Ob die Veranstalter auch mal erwogen haben, das Festival mit “Feldgrauer Kongress” zu eröffnen? Unweit der Freien Heide könnte der regionale Bezug kaum größer sein.

Faszination Unschärfe: Peter Graf im Gespräch mit Ricarda Messner.
Fotos: VHS

Wie ruhig ging es dagegen kurz darauf im Seepavillon zu! Berührt, aber unaufgeregt nähert sich Peter Graf dem Roman “Wo der Name wohnt” und der Verfasserin. Es dämmert draußen. Was Ricarda Messner als aktuelle Stadtschreiberin in Rheinsberg verfertigen wird, war noch kein Thema. Ihr Debüt gilt ihrer Familie. Niemand spricht miteinander, könnte man denken. Denn es gibt keine Zeichen der wörtlichen Rede. Geredet wird aber reichlich. Sogar in mehreren Sprachen. Denn die Verwicklungen und Prägungen haben mit Russland und Littauen zu tun, mit Deutschland und mit der Weltgeschichte, nicht nur durch NS-Politik und die Schreckensgeschichte der Juden in Riga.
Levitanus ist der Name. Ein Schlüsselort der Handlung ist ein Haus in Berlin. Durch einige vorgelesene Passagen lässt die Autorin die Gäste an ihrem Leben teilhaben. Ihre dezente Art wirkt vertrauenerweckend. Sie sucht, sie sichtet, sie erlebt geliebte Verwandte an ihren Grenzen und spürt die eigenen. Die Vergewisserung der persönlichen Identität, wie sie mit einem Namen einhergehen kann, bleibt unaufdringlich. “Ich war zehn Jahre alt bei unserer ersten gemeinsamen Reise ins Früher”, notiert die Erzählerin. Und: “Lange dachte ich, Früher heißt das Land, aus dem sie kamen.”
Schade, dass der einfühlsamen Lesung samt Gespräch nicht mehr Menschen beiwohnten. Noch mehr Stühle heranschaffen, so wie etwa nachmittags, als Jens Bisky seine Sicht der Jahre in Deutschland von 1929 bis 1934 darlegte als “Die Entscheidung”, das wäre angemessen gewesen. Der Autorin allerdings schien eine vertrauliche Atmosphäre durchaus angenehm. Man darf gespannt sein, ob das Debüt der Beginn einer Karriere ist. Gelacht wurde auch. “Main Fegele”, habe der Großvater in seiner Drittsprache Jiddisch nach ihr gerufen. “Ich hab Großvater nie gefragt, was für ein Vogel ich war: Spatz, Möwe, Krähe Taube.”

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