Peter Graf bei der Begrüßung der vielen Gäste: Ernst, aber unverzagt.
Peter Graf betritt die Bühne. Vor ihm ein großes Publikum im Schlosstheater, Menschen voller Erwartungen. Er könnte strahlen als Initiator des 1. Tucholsky-Literatur-Festivals in Rheinsberg. Doch er wirkt ernst. Wenig später wissen alle Bescheid: Die Rechtsextremisten vom Dritten Weg haben für den kommenden Tag eine Versammlung in Rheinsberg angemeldet. Später werden Texte und Lieder von oder nach Tucholsky ähnlich brisante Gefühlslagen aufgreifen, aber auch andere Akzente setzen. Was für ein furioser Auftakt!
Von Volkmar Heuer-Strathmann
Ein anspruchsvolles Vorprogramm boten die Sopranistin Marie Lina Hanke und der Pianist Thomas Linstedt. Inhaltlich ging es um Pfennig und Mark, um die herrschende Ordnung inklusive Klassenjustiz. Die Darbietung war von besonderer Intensität, als das Schicksal junger Soldaten angeprangert wurde. Ein Leben “für den Graben”? Also ein tödliches Ende im Schützengraben, also der fatale Erste Weltkrieg? Das Duo setzt ganz auf die unmittelbar Wirkung der Darbietung. Moderiert wird nicht. Durch Mimik und Gestik vermittelt die wunderbare Sängerin die Brisanz der Themen. Wer sich mit Kurt Tucholsky auskennt, hatte es leichter, in all die Abgründe zu folgen. Der Applaus war davon unabhängig.

Anna Thalbach und Robert Stadlober gingen ganz anders zu Werke. Ein Höhepunkt war sicherlich der Ausflug der Verhaltensauffälligen als betrunkener Berliner mit Schnauze in die Parteienlandschaft vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Stadtlober macht hier eher den Stichwortgeber. Fern von flachen Parallelen kann doch ein Gedanke an die beiden kommenden Wahlen kaum unterdrückt werden. Und das Publikum ist begeistert. Nicht anders, als der Text aller Texte gelesen wird, Satz für Satz. “Was darf Satire?” Und? “Alles!” Auch von Rechts wegen? Auch kraft Amtes? Und wenn das Publikum einfach zu blöd ist für Zwischentöne oder ironische Umkehrschlüsse? Ein Blick in die Menge lässt Robert Stadlober richtig zuversichtlich werden. Wenn die Leute jetzt auch noch sein Buch mit allerlei Köstlichkeiten “Marke Tucholsky” kaufen…
Anna Thalbach hat sich auch Gedanken gemacht. Stichwort “Triggern”. Schon ein Blick in den Spiegel scheint kaum noch ohne Triggerwarnung möglich. Eiszeit droht, so schaut sie. “Glimmen” heißt ihr Zauberwort. Ein Kontrastprogramm. Es glomm ja längst überall, so verzückt waren die Gäste von der Leichtigkeit, mit der die beiden Stars Tucholsky in allen Farben hervorzauberten, auch durch Stadlobers lachhafte Rockstarallüren. Selbst vor Mittelmaß im “Neuschnee” haben sie keine Furcht. Hauptsache, Tucholsky bleibt im Gespräch. Sein Blick auf sein Berlin, auf alle bombastischen Nichtigkeiten und den Menschenschlag schlug selbst ein wie ein Blitz. Und nun wählen diese aufgeblasenen Sonderlinge ihr Parlament. Zwei Striche, ein Kreuz. Schaffen die das? Damit es nicht mehr heißt: “Über dieser Stadt ist kein Himmel.”

Fotos: VHS
Beifall und Jubel waren Anlass, die fest eingeplante Zugabe wirklich zu verwirklichen. Die ersten Büchernarren und Lesehexen waren da natürlich schon unterwegs zum Büchertisch der Tucholsky-Buchhandlung. Schon wegen der Prosa mit dem Titel “Deutsch” in Stadlobers Sammelsurium. Darin das Wort vom “Kinderlied ‘Deutschland, Deutschland über Alles’”. Ob mit dem Voranschreiten der AfD durch Wald und Flur und Auen schlechtere Zeiten kommen könnten in Deutschland für die freien Künste nach Art von Kurt Tucholsky? Für jede Art von Bedrängnis gelobte Robert Stadlober Unterstützung. Ob er sein Werk am Samstag auch beim Dritten Weg feilbietet? Peter Graf hatte schon vorab die Frage des Abends gestellt: “An welchem Punkt der Entwicklung sind wir?”

Erwähnt werden sollte aber auch, dass sich draußen, außerhalb des Schlosses, nicht nur dieser sogenannte III.Weg versammelte. um zu propagieren. Und das so unverhohlen wie kaum noch möglich unter dem Motto „Rheinsberg erwache!“ (Wer da nun mehr keine Parallelen sieht, ist nicht nur auf dem rechten Auge blind!)
In großer Zahl hatten sich auf dem Kirchplatz Menschen gegen diesen Auftritt versammelt zu einem Picknick mit gespendetem Kaffee und Kuchen und unterstützt von einem Herrn mit Leierkasten, der mit fröhlichen Liedern einen Lärmschild gegen rechte Hetze aufstellte. Viele Touristen, Besucher und Beteiligte an der Veranstaltung im Schloss kamen herüber und bedankten sich für diese Aktion. Die Erleichterung war ihnen anzumerken, dass wir da waren und dass wir viele waren. Vielen Dank allen Initiatoren, die in kurzer Zeit ein fröhliches Fest zu traurigem Anlass organisierten!
Carla Ruppin