“Totentanz” – ein anrührendes Konzert in der Klosterkirche Neuruppin

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Der Kirchenkalender spricht von “Totensonntag”. Persönliche Trauer hat sicherlich einen eigenen Kalender. Aber es ist nicht nur in Neuruppin gute Tradition, aus Anlass dieses Tages in die Kirche einzuladen. In diesem Jahr gab es am Samstag den “Totentanz” – nicht nach August Strindberg, sondern als Konzert mit dem Brandenburger Motettenchor. Und “Jedermann” war auch dabei.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Das Wort “Motette” klingt ziemlich flott. Und “Totentanz”? Wie ein Alptraum? Ein gespenstisches Treiben? Beim Brandenburger Motettenchor setzt man nicht auf Dramaturgie und Performance im Altarraum, schon gar nicht vor “Totensonntag”. Es sind die Stimmen, die die Seele bewegen. Die Gestalt als Ensemble, die mehrstimmigen Melodien und die bedenkenswerten Worte von christlich geprägten Dichtern. Anmutiges Flötenspiel von Ute Wolff intensivierte die Wirkung, als Hugo Distlers “Totentanz” angestimmt wurde.
“Mensch, die Figur der Welt vergehet mit der Zeit”, heißt es im Rückgriff des nur 34 Jahre alt gewordenen Kirchenkomponisten auf Angelus Silesius. Distlers Lebenstragik wäre ein eigenes Konzert wert. “Er drehte am 1. November 1942 den Gastherd auf”, wissen die Chronisten. “Die Seele hat keine wahre Ruhe in den Dingen dieser Zeit”, tönt der Chor. Da liegen vorne schon all die Gegenstände, die Anselm Lipgens abgelegt hat.

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Das Wort hat der “Tod” – jetzt bloß kein Zwischenruf mit Börsendaten!
Fotos: VHS

Ein Tuch, eine Kette, ein Hut, eine Kippa, ein Schirm… Worte aus dem “Jedermann” von Hugo von Hofmannsthal liest der Mitmensch. Der Tod fordert sein Recht. Es wird Gottesgericht gehalten, mal am Mikrophon, mal auf dem Mittelgang – wohltuend unterschieden von all dem Spektakel, das manchmal in Salzburg dem alljährlich gegebenen Werk beigemischt wird. Als Leser, als Rezitator, als Passant setzt Lipgens ganz auf die Stimme und die Prosodie. Show wäre das Letzte für den Schauspieler – gerade im Zusammenspiel mit diesem Motettenchor. Kein Gold kann die Zeit nach dem Tode vergolden.
Auf Blattgold von Johann Sebastian Bach und Johannes Brahms griff Organist Matthias Noack zurück, um menschliches Leid in seinen Tiefen auszuloten mit dumpfer Klanggewalt und Besinnung anmahnendem Pfeifenton. Nicht zufällig gingen die Blicke immer wieder nach oben ins Bestirnte. Allmacht wird vorstellbar, wo Zweifler und Verzweifelte eher Ohnmacht oder Unrecht dieses Gerichts beklagen. Menschen eben, denen mit Leonard Lechners Versen gesungen ward: “So überfall’n dich Trübsals Qualen, sei nit (!) kleinmütig, murrend, ungütig.” Mehrstimmigkeit macht noch mehr aus Mahnung und Ermutigung, zumal so feinfühlig und unaufgeregt dirigiert wie von Christopher Skilton.
Schließlich wird beim “Totentanz” dieser Art die Hoffnung auf Auferstehung nicht aufgegeben. Allen Mitwirkenden galt erst ganz am Ende ein herzlicher Applaus der Gäste. Es war irgendwie warmer geworden im Gotteshaus. Und doch ganz schön kühl. Den Stimmbändern schien das nichts anzuhaben. Schön, dass hier noch kein Weihnachtslicht aufflammte und kein Baumschmuck tanzte.

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