Liefern – der Roman von Tomer Gardi

Tomer Gardi Liefern

Wer bringt eigentlich unser Essen – und welches Leben steckt hinter der Lieferung? Tomer Gardis Roman „Liefern“ blickt hinter die schnellen Wege der Rider und erzählt eine bewegende Geschichte über Würde, Ausbeutung und die Sehnsucht nach einem besseren Leben.

Von Otto Wynen

Ein Manifest der Menschlichkeit

Höchste Zeit mal wieder ein Buch in die Hand zu nehmen, um wieder etwas von der wirklichen Welt mitzubekommen. Lies einen Roman, lautet mein Standardvorschlag an Freunde, wenn ich in einem Gespräch das Gefühl habe, „es wird eng“: das Denken, das Empfinden, die Phantasie, das Vorstellungsvermögen. Es ist eine Aufforderung auch an mich selbst, die Menschen besser kennenzulernen.

Gerade ist mir dazu ein hochaktuelles Buch in die Hände geraten. Der Titel: „Liefern“, der Autor: Tomer Gardi. 2022 war er schon einmal beim Literaturfestival NEBEN DER SPUR zu Gast; ein Hüne, braungebrannt, mit wallendem lockigem Haar und Goldkettchen behangen, als wenn er geradewegs aus dem Ballermann gekommen wäre. Ein Anblick, der täuschte – hatte er damals doch gerade für seinen Roman „Eine runde Sache“ den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten. Immerhin einer der renommiertesten Literaturpreise Deutschlands.

Und jetzt legt er uns mit „Liefern“ den vielleicht aktuellsten Roman unserer Zeit vor. Er taucht ab in die Welt der Essenslieferanten. Die „Rider“, die mit Rädern, E-Rädern, Rollern und Motorrädern rund um die Welt dafür sorgen, dass wir (wir – die Luxus-Mittelständler) jederzeit mit jenem Fast-Food versorgt werden, ohne das viele inzwischen vermutlich verhungern würden.

Tomer Gardi
Foto: Maximilan Gödecke Photography


Tomer Gardi hat drei Jahre das Leben der Rider recherchiert. Sein Roman, wahrhaft eine Geschichte der Globalisierung, spielt in Tel Aviv, in Delhi, in Berlin, in Istanbul und Buenos Aires. Buchstäblich ein Höllenritt durch die prekären Arbeits- und Lebensverhältnisse von Menschen, die wir meistens nur vom Vorüberschwirren kennen. Oder aber daher, dass sie uns in aller Eile, das von uns bestellte Essen aushändigen. Haben wir uns je gefragt, woher diese Leute kommen? Warum sie diesen Job machen? Vermutlich nicht. Tomer Gardi hat es. Hat zum Beispiel den (zugegeben fiktiven) Lebensweg von Filmon aus Eritrea aufgezeichnet, den es zuerst nach Tel Aviv verschlagen hat. Seine Frau hat es mit ihrem Kind nach Deutschland geschafft, nach Berlin. Sie beginnt Deutsch zu lernen, während Filmon mit Kollegen, Freunden zusammengequetscht in einer kleinen Wohnung haust, damit von seinem spärlichen Lohn am Monatsende etwas übrigbleibt, mit dem er seine kleine Familie unterstützen kann. Sein Traum wie der so vieler Rider: irgendwann genug Geld zu haben, um auch nach Deutschland weiterziehen zu können; um eines Tages studieren zu können. Seinen Traum teilen hunderttausende Rider. Rider werden – überall auf der Welt – nicht nur miserabel bezahlt, sie haben auch einen hundsgemein gefährlichen Job. Einen oft tödlichen Job. Wenn rücksichtslose Autofahrer sie rammen, sie abdrängen oder überfahren. Bei einem Gespräch mit Resul, einem der Rider, den der Erzähler in Istanbul trifft, erfährt er, dass der eigentlich Literaturlehrer hat werden wollen. Aber keine Chance hatte – also Rider wurde. „Wisst ihr eigentlich, warum die Leute die Kuriere hassen?“ fragt er und gibt selbst die Antwort: “Weil wir menschlich sind.“ Wir sind keine Maschinen, sagt er weiter, wir sind Menschen, die Würde haben, die Fehler machen. „Das Menschliche ist das überflüssige Element, das man an den Kurieren hasst.“

Es kommt so vieles in diesem Roman „Liefern“ zur Sprache, über das wir uns in unserer Wohlstandswelt so wenig Gedanken machen. Und das Verrückte an dieser Geschichte: sie kommt so leicht erzählt daher. Voller Humor, voller Witz, voller Leidenschaft. Tomer Gardi schafft es, mit seinem weltumspannenden Roman eine Geschichte des allgegenwärtigen Rassismus zu schreiben, drastisch die vielen Formen der Ausbeutung darzustellen und trotzdem ein ermutigendes Buch zu schreiben über Liebe, Familie und die Sehnsucht des Zusammenlebens.

Lest das Buch! Es ist ein unübertroffenes Manifest der Menschlichkeit. Lest es und Ihr werdet die Welt mit anderen Augen sehen.

Wenn alles gut geht, wird Tomer Gardi Anfang Oktober wieder in Neuruppin lesen: beim Literaturfestival NEBEN DER SPUR. Ihr solltet es euch nicht entgehen lassen.

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