Andreas Knaesche bei der Vorstellung des Weitgereisten.
Eigentlich wären noch mehr Gäste zu erwarten gewesen zum Auftakt des Europäischen Literaturfests Brandenburg. Der Roman “Liefern” von Tomer Gardi ist sehr gefragt. Aus gutem Grund. Moderator Andreas Knaesche wusste sogar von einem zeitweiligen Lieferengpass zu berichten. Bei den gut fünfzig Gästen kam das Gelieferte sehr gut an. Und so konnte man sich am Ende seitens der Fontane-Buchhandlung über reges Kaufinteresse freuen. Es war rechtzeitig geliefert worden, allerdings gewiss nicht per Zweirad.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
Peter Böthig gab zu Beginn einen kleinen Überblick über die anstehenden Veranstaltungen beim Literaturfest 2026. Am zweiten Wochenende wird “Neben der Spur” zu Stationen rund um den Ruppiner See führen. Uta Bartsch wies darauf hin, wie viel Unterstützung man erfahren habe, etwa von der Stadt und dem Landkreis, von der hiesigen Sparkasse, von den Stadtwerken und vom Land Brandenburg. Mit kräftigem Applaus schlossen sich die Gäste dem Dank des Veranstaltungsteams an, zu dem auch Otto Wynen gehört. Für Tomer Gardi war es der zweite Auftritt beim Literaturfest, das sich nun nicht mehr im Titel auf “Reiseliteratur” bezieht. “Liefern” wird man allerdings als Roman eines global angelegten Reiseprojekts ganz außergewöhnlicher Art bezeichnen können.
Der 1974 in Israel in einem Kibbuz geborene Autor lebt schon seit Jahren in Berlin. Für “Liefern”, das wurde vorab im Gespräch mit Andreas Knaesche erläutert, hat er sich innerhalb von gut drei Jahren auf den Weg in ganz unterschiedliche Länder gemacht. Warum zu seinem “Perspektivwechsel” nicht auch ein Job im Lieferdienst in der Sektion “Lebensmittel” gehörte, wurde leider nicht gefragt. Und eine offene Runde gab es am Ende nicht. Sehr geschickt gewählt waren die Gänge des Abendmenüs und die Zutaten. Hinzu kommt, dass Gardi aufzutischen weiß. Manchmal liest er stockend, je nach Situation oder Erzählfluss. Und er mag sein Buchprojekt immer noch. Grundsatzdebatten fürchtet er nicht, denn er hält die Haltung durch bis zum überraschenden Ausklang: Empathie und Erfahrungsbezug, den ganz unterschiedlichen Menschen im Lieferservice verbunden, aber bitte kein moralischer Zeigefinger und kein politisch-programmatisches Rezept! Ein Lieferkettengesetz war nicht normative Basis.

Im Buch geht’s konsequent globalistisch nach Tel Aviv, nach Delhi, nach Istanbul, dann nach Argentinien, Kenia und Deutschland. Das ist im Buch immer noch das Jerusalem des Maschinenbaus, vom Autor in origineller Perspektive mit Blick auf Berlin köstlich belächelt bis hinein in Küchen und Waschküchen und in die Treppenhäuser in den zu beliefernden Blöcken. Im Alten Gymnasium beschränkte sich der Autor auf Jobnöte in Tel Aviv und Lieferstress in Berlin sowie eine Vorstufe der weltweiten Belieferung mit Blumenzauber auf einer riesigen Farm in Kenia. Der Valentinstag naht, schon für diesen blühenden Unsinn aus Eros und Pathos kann man den Autor nur liebgewinnen. Die Bewerberin Akyni wird streng geprüft auf Farmtauglichkeit. Da sind die Voraussetzungen für Zweiradfahren in Metropolen mit Lebensmitteln im Gepäck ganz anders. Prekär seien die Arbeitsbedingungen durchweg, erläutert der Weitgereiste. Was Legalität und vor allem Illegalität anbelangt, gibt es unterschiedliche Grundlagen in den Ländern. Aber man ist in Neuruppin an der Karl-Marx-Straße nicht zum Seminar versammelt mit einer Stunde in politischer Ökonomie oder beim Initiativkreis “Kochwahn, Lieferservice und Weltgericht”.

Fotos: VHS
“Riders” werden sie genannt. Sie agieren inzwischen überall. Manche müssen über einen Seedamm. Die fahren womöglich in Assoziationsketten mit. Für eine Revolte sind die Massen noch zu verstreut und vereinzelt. Das könnte sich ändern. Ein Handy haben alle. Eine individuelle Lebensgeschichte auch, manche mit Qualifikation und hohen Zielen. Die Mehrzahl ist männlichen Geschlechts und trotzdem ganz schön arm dran. Stress ist Programm. Die Mobilität verdankt sich unterschiedlicher Mittel. Auch elektrischer. Die Motivlage unterscheidet sich im Roman von Fall zu Fall. Keine Figur ist dem Autor egal. So scheint es zumindest und so sagt es Tomer Gardi auf Nachfrage. Dass der Autor die Fragerichtung am Tisch sogar mal umkehrte, machte ihn nur noch sympathischer. Beim Thema “Glatzenbildung” mussten beide kurz auflachen. Das hässliche Politikum war nicht gemeint am Abend vor dem deutschen Einerlei des Jahres.
Erstaunlich, dass ein dickes Weltwirtschaftsbuch wie “Liefern” so unterhaltsam sein kann. Den Vergleich mit aufsehenerregenden Projekten von Günter Wallraff damals in der BRD lassen wir hier mal beiseite. Am besten gar nicht erwähnen, was der lieferte, am eigenen Leibe anonym oder pseudonym erfahren und erlitten. Von Reiseritis keine Rede. Dass es bei der Lesung am Sonntagvormittag aus “Wir Königinnen” von Anja Gmeinwieder um einen Kuhtransport per LKW Richtung Türkei geht, zeigt, dass man im Fontane-Kosmos 2026 viel unterwegs ist. Programmatisch nicht mehr primär der Reiseliteratur verpflichtet, öffnen sich plötzlich Horizonte. Aber welche Kuh würde von einer Reise sprechen? Tomer Gardi sagte nach verdientem Applaus, bei Gelegenheit gerne erneut die Interessierten in der Fontanestadt zu versorgen. Er spürte vermutlich den Hunger, den Durst auf seine Art Lebensmittel, möglichst nicht vom Bringdienst des Giganten Amazon gebracht an die Wohnungs- oder Villentür…
