“Der Tag naht” – Klang gewordene Prophezeiung aus dem Alten Testament.
Tagungen befassen sich mit der Frage, es gibt anspruchsvolle Fachliteratur zur inneren Einheit von Judentum, Christentum und Islam, etwa von Angelika Neuwirth aus Potsdam. Die Kriegsnachrichten des Tages sprechen eine andere Sprache. Umso wichtiger wirkt da das Anliegen, das mit dem musikalisch-spirituellen Abend unter dem Motto “Together in one” verbunden ist. Das Interesse war groß, der Applaus zeugte von Begeisterung. Dabei kann “Einheit” doch zu Streit führen wie nichts anderes.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
Matthias Noack befürchtet, dass kulturelle Vielfalt in Deutschland immer mehr in Frage gestellt wird. “Multikulti” – ein Schimpfwort? Ein bunt gemischtes Ensemble, ein spirituelles Musikrepertoire aus jenen drei Weltreligionen und Friedensvisionen in der Klosterkirche, das war ein Kontrastprogramm zu jeder Art Machtpolitik und Angriffslust. Der Programmzettel fragt noch ganz vorsichtig: “Was geschieht, wenn Musik nicht nur unterhält, sondern öffnet – für etwas Größeres, Zeitloses, Verbindendes?” Missioniert wird nicht. Die gottseligen Worte von Mystikern sollen inspirieren. Was die Musik dabei vermag, offenbarten die zu Herzen gehenden Darbietungen.
Alaa Zouiten brachte die arabische Zoud ins Spiel. Die Akustik im christlichen Gotteshaus verstärkte die Wirkung. Sein dunkler arabischer Gesang durchwehte den Raum. Christian Grosch war an der Kirchenorgel zu erleben, mal kraftvoll, mal sanftmütig, nie aufdringlich. Die palästinensische Sängerin Eden Camis gab Leid und Schmerz glaubwürdig Ausdruck, aber auch Sehnsucht und Hoffnung. Daneben war das Trompetenspiel von Marcus Rust schon von der Kraft einer Verheißung, doch Fanfaren nahmen nicht überhand. Der Sound dieses Quartetts ohne Markenzeichen ist unvergleichlich.

Dem Gesang, mit dem Mohammed im Jahr 622 nach Christi Geburt in Medina begrüßt worden sein soll, standen religiöse Lieder in jüdischer und christlicher Tradition gegenüber. Ohne genaue Kenntnis der Verse wäre es allerdings vermessen, sich hier über die Botschaft zu äußern. So hatte der Abend etwas Geheimnisvolles und Wagemutiges, aber auch Tastendes, Vages, Verunsicherndes. Wegweisende Gedanken von Rumi, Khalil Gibran und aus dem Chassidimus fügte Marcus Rust mit ruhiger Stimme ein. Was gäbe man für ein Blatt Papier angesichts dieser verschiedenen Wege zu Einem! Ein Amt ist nicht gemeint. Noch weniger irgendeine Plattform. Auch nicht, als plötzlich ein Handy Beachtung finden möchte. Der Scherz, Gott sei dran, wird vom “Club der toten Dichter” für sich beansprucht. Aber Marcus Rust mangelt es auch nicht an Schlagfertigkeit: “Das bedeutendste Zeichen!” Also weiter mit Platz 2! “Was mit Gott oder so?”, fragen lachende Gesichter. Heiterkeit in grauenerregender Zeit!
Rusts Loblied auf die Stille war noch nicht vergessen. Als leidenschaftliche Musiker können es die vier Lebensbejahenden dabei natürlich nicht belassen. Christian Grosch ließ sein Cello singen, begleitet von Trompetenklang. Dafür gab es Sonderapplaus. Das “Hallelujah” als Zugabe sollte sicherlich nicht den Eindruck erwecken, das Lob Gottes und der Menschen Dank wären schon Ausdruck der Ankunft in der einen Welt. Aber für etwas mehr als eine Stunde waren die Grenzen religiöser Musik fließend geworden und der Abstand zwischen den Menschen womöglich geringer – innerlich.

Fotos: VHS
Die Reihe der Sommerkonzerte wird fortgesetzt am 14. Juli um 19.30 Uhr. Das Duo ARTEVIVO lässt Orgel und Violine erklingen. Lada Fedorova hat Frantisek Vanicek an ihrer Seite, der schon über 1200 Orgelsolokonzerte gegeben hat. Das klingt fast weltmeisterlich in Wochen, wo Weltmächtige so erbärmlich, so arm-, aber redselig daherkommen. Ob sie Khalil Gibrans Worte für einen Bauauftrag halten würden? “Das Herz zum Tempel machen…”
