Theodor Fontane – ein “Antisemit”? Anstöße für eine Auseinandersetzung

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“Für heutige Leser und Leserinnen mit dem Wissen um den Holocaust finden sich erschreckende Äußerungen”, schreibt der Biograf Iwan-Michelangelo D’Aprile über Briefe aus der Feder von Theodor Fontane. Wer deshalb erwarten würde, für den ausgewiesenen Experten sei Fontane ein “Antisemit”, wurde durch den Vortrag im Neuruppiner Museum und Leitworte wie “postume Antisemitisierung” mit einem differenzierteren Bild konfrontiert. Schade, dass sich nicht mehr als rund 25 Gäste dafür interessierten.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Es war Friedrich Fontane, der seinen Vater den Nazis unbedingt näherbringen wollte. Selbst gehörte der Verleger schon früh zur völkischen Bewegung. So erschien im Juli 1933 im “Ruppiner Stürmer” ein groß aufgemachter Artikel des Nachlasshüters, der um seine wirtschaftliche Zukunft bangen musste. Michael Fleischer bietet Interessierten in seiner Studie “Fontane und die ‘Judenfrage’” das geschickt angelegte Machwerk. Per Powerpoint gab’s im Museum die Gesamtaufsicht und ein paar Sätze.
Friedrich weiß, welche fragwürdigen Verse der Vater zu Lebzeiten nicht gedruckt sehen wollte. Er bringt sie. Ebenso Briefpassagen wie dieses Fazit: “Es ist, trotz all seiner Begabungen, ein schreckliches Volk.” Theodor Fontane diffamiert, er pauschaliert, das bestreitet auch D’Aprile nicht. Für ihn ist ein anderer Aspekt aber ebenso wichtig. Oder gar wichtiger? Fontane habe sich nie öffentlich an Kampagnen gegen Juden und Jüdinnen beteiligt oder etwa als Journalist derart krasse Positionen wie in jenem Brief bezogen. “Effi Briest” erschien zuerst bei Julius Rodenberg, früher Levy. Zur Freundschaft mit dem jüdischen Verleger reichte es nicht, aber zum regen Briefwechsel. Sohn Friedrich hat auch deshalb das Anliegen, den Verdacht des “Philosemitismus” auszuräumen.
Iwan-Michelangelo D’Aprile macht kein Geheimnis daraus, dass er jenen Vorstoß der Grünen Jugend Hessen im März 2024 kritisch sieht, der Wellen schlug. Ein Schild an der “Fontanestraße” in Frankfurt am Main etikettierte den derart Geehrten kurzzeitig als “Antisemiten”. Dem Hinweis aus dem Auditorium, dass es in einem solchen Falle um “Kontextualisierung” gehen müsse, griff der Referent positiv auf, wohlwissend, wie schwierig das sein kann. Man nehme nur jeden Brief aus Norderney vom 6. Mai 1895. Sohn Theodor liest, was der Vater beim dritten Inselbesuch notierte: “Borkum ist judenfrei, das soll aber auch der einzige Vorzug sein.” Das antisemitisch gefärbte Unwort wurde ab 1933 Schlagwort, wortwörtlich. Was mag den betagten Urlauber da getrieben haben, ganz abgesehen von der totalen Ahnungslosigkeit in Sachen Reizklima?

Der Hochschullehrer aus Potsdam war nicht als Oberlehrer nach Neuruppin gekommen, noch weniger als Scharfrichter oder Scharfmacher. Eher mild gestimmt, aber nicht gegenwartsblind, gab er differenzierte Informationen und Impulse. Dazu den Hinweis, dass man seitens des Fontane-Archivs, dem er vorsteht, netzaffinen Interessierten Materialien anbietet. Naziaffine können sich natürlich auch dort bedienen. Wer Papier will, kann bei Michael Fleischer lesen: “Fatal waren in (Norderney) die Juden; ihre frechen, unschönen Gaunergesichter…” Im literarischen Werk gibt es schönere Zeichnungen. Unschöne auch, aber nie so hässliche wie in Wilhelm Buschs Bildwerk “Plisch und Plum”. Und der Humorist gilt gemeinhin auch nicht als “Antisemit”. Fleischer-Lektüre wie “Fontane auf Norderney” allein, da muss man D’Aprile Recht geben, ist natürlich auch nicht das einzig Wahre. Sein eigenes Werk ist einfach lesenswert, auch wenn “Alters-Antisemitismus” als Überschrift auch nicht ohne ist.

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