Das tödliche Ende? Christian Natter, Christian Schaefer und Moritz Meyer.
“Es tritt keine Figur auf, die nicht einen possenhaften Beisatz hätte”, schreibt Theodor Fontane im Jahr 1871 über seine Eindrücke von der Komödie “Der eingebildete Kranke” von Jean-Baptiste Poquelin alias Molière. Was leicht kritisch klingt, wird paar Zeitungszeilen weiter doch zum Lob und zum Anlass, die eigenen Maßstäbe zu reflektieren. Einfach mal bisschen lockerer werden, was Dramentypen angeht, und gerade dadurch hinzugewinnen, auch Gäste.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
In der Fontanestadt weckte die sehr gut besuchte Inszenierung des Erfolgsstücks im Tempelgarten durch das Ensemble vom theater 89 unter der Leitung von Hans-Joachim Frank auf jeden Fall große Heiterkeit und anhaltende Begeisterung. Natürlich gäbe es in Neuruppin gute Gründe, den Wirkstoff im Park der Medizinischen Hochschule Brandenburg anzubieten. Aber als Stadtkern wird man dieses Zentrum der Heilkunst nicht bezeichnen wollen. Und das Ensemble kooperiert seit Jahren erfolgreich mit der Brandenburger Arbeitsgemeinschaft Städte mit historischen Stadtkernen. Deshalb ein Grußwort vorab aus dem Munde von Daniela Kuzu, der stellvertretenden Bürgermeisterin.

In einer Art Vorspiel mit Musik erfährt man, dass der Dichter selbst in der Hauptrolle im Februar 1673 zu Tode kam. “Blutsturz” hieß die Diagnose für Jean-Baptiste Poquelin in der Bildsprache der Medizin. Die Aufführung musste abgebrochen werden. Von Einbildung oder Hypochondrie keine Rede. Und Kranksein per se ist nicht komisch. Aber Komik kann heilsam sein. Und die Suche nach heilenden Mitteln oder helfenden Kräften, die kann auch im Zeitalter der Wissenschaften immer noch voller Kapriolen sein. Passend dazu später die Eilmeldung, der Deutsche Bundestag habe das Beitragssatzstabilisierungsgesetz beschlossen. Im Hohen Haus ist ja in letzter Zeit öfter hoher Puls angesagt.
Nun also Argan und gleich zu Beginn ein entfesselter Sermon dieses eingebildeten Kranken, der den Tod nahen sieht. Ein Arzt und ein Apotheker spielen gerne mit. Sie leben davon. Die meterlange Rechnung zeigt es. Argan nimmt gewisse Korrekturen vor. Fachsprache ist zu hören. Herrlich! Der Beipackzettel der Aufführung verrät auch, wer sonst noch auftritt oder mitmischt. Versicherungskaufmann hat Christian Schaefer ursprünglich gelernt. Doch der Absolvent des Wilhelm-Busch-Gymnasiums in Stadthagen fand noch früh genug heraus aus den Geschäften mit der Ungewissheit der Menschheit und hinein in die ungesicherte Abenteuerwelt der Schauspielkunst mit all ihren Tücken, Lücken und Stücken. Ob man das sagen darf, diese Rolle sei ihm auf den Leib geschrieben?
Argans Tochter Angélique hat sich verliebt. Doch der Vater will natürlich einen Arzt als Schwiegersohn. Bliebe die Tochter unfolgsam, droht das Kloster. Sophia Dovier lässt die Menge mitleiden. „Cleante oder keiner!“, ist die Parole. Dieser Thomas Diafoirus auf keinen Fall! Ella Zoe Arnsburg gibt den linkischen Kandidaten mit Gespür für Worthülsenfrüchte aus Medizinermund. Da kommt Mateusz Grabowski als lockerer Barde ganz anders daher. Doch vergebens! Sie ist vergeben! Machenschaften unter Männern. Machtspiele. Molière ist wieder ganz nah am Menschen. Und das Feudalsystem französischen Zuschnitts wird auch nicht gerade in ein gutes Licht gerückt.

Besondere Heiterkeit weckte der Auftritt von Christian Natter in der Rolle der derzeitigen Gattin. Sie ist die zweite. Sie ist geldgeil. Natter spielt die reizenden Bewegungen und Blicke besonders exaltiert. Daneben noch eine weitere wunderbare Rockrolle in der Hosengesellschaft: Moritz Meyer als Dienstmädchen Toinette, ein Höhepunkt an Dienstbarkeit, Schlagfertigkeit und Wandelbarkeit. Arzt kann „sie“ auch, die Verwicklungen nehmen ihren Lauf. Erst der scheinbar tote Argan bringt die Wahrheit an den Tag. Christian Schaefer gibt die Todesnummer wie ein fliegender Held. Flügelschlag. Absturz. Leichenstarre. Herzensprüfung. Auferweckung. Abrechnung. Für den Ausklang mit Gesang von Argan gab’s rauschenden Beifall – auch für hier nicht genannte Mitwirkende. Argans Haus in Paris – ein Tollhaus der Mannesherrlichkeit mit bisschen Stasikunst. Die Schwester beobachten, die Schwester verraten, das lässt sich nicht so leicht mit der Rute erzwingen vom Vater, der zur Freude der Gäste immer mal wieder vergisst, dass er eigentlich krank ist. Ob diese Passagen zu Fontanes Zeiten auch schon so emanzipatorisch gespielt wurden?

Fotos: VHS
Am 17. Juli 2026 wird das Ensemble in Wittstock/Dosse im Amtshof zu erleben sein. Im Landkreis OPR folgt auch noch eine Aufführung in Wusterhausen/Dosse auf dem Marktplatz am 13. August und in Rheinsberg am 20. August auf dem Kirchplatz. Durch den Kult um Prinz Heinrich hat man dort im Jahr des 300. Geburtstages einen wunderbaren Assoziationsraum für die innere Beziehungskomödie.
