Zweihundert Jahre “Taugenichts” und zwei Neuruppiner Tugendhafte

Im Jahr 1826 erschien Joseph von Eichendorfs Novelle “Aus dem Leben eines Taugenichts”. Den Sonderling zieht es nach Italien. Wie auch die Geistesgrößen Johann Gottfried Herder und Johann Wolfgang Goethe. Und im 19. Jahrhundert Karl Friedrich Schinkel und Theodor Fontane. Es lohnt sich, die Italienreisen der beiden Neuruppiner näher zu betrachten, gerade weil der Realist den Romantiker so sonderbar lobt.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

“Kein anderes Volk hat so ein Buch”, weiß Theodor Fontane. Wörtlich dürfte das kaum gemeint sein. Und eigentlich weiß alle Welt, dass der Realist Fontane der Romantik ziemlich kritisch gegenüberstand. Er fährt fort: “Ein Buch aber, in dem sich vor einem, auf wenigen Blättern und mit der Naivität eines Märchens, die tiefsten Seiten des Lebens erschließen, ein solches Buch muss was Apartes sein.” Worum geht’s?
Ein emsiger Müllermeister mag seinen antriebsarmen Sohn nicht länger durchfüttern. Er verjagt ihn zwar nicht, aber er sagt: “Du Taugenichts, (…) geh auch einmal hinaus in die Welt und erwirb dir dein Brot.” Wie der Held dann auf Schusters Rappen oder in Postkutschen bis nach Rom kommt, das hat märchenhafte Züge, ist aber der Realität nicht völlig enthoben. Das ist die Kunst. Und geschickt werden bereits bekannte oder neue Lieder eingewoben, von der eigenen Geige getragen. “Wem Gott will rechte Gunst erweisen…” kennt man. AfD-Mann Markus Frohnmaier scheint das Lied zu oft gehört zu haben. Und doch nicht verstanden. Gegen Ende der Novelle wird von einer Menge kleiner Mädchen ein Lied aus dem “Freischütz” gesungen: “Wir bringen dir den Jungfernkranz…” Hinter dem Helden liegen Wechselbäder der Gefühle, liegen verwirrende Erfahrungen und irrwitzige Ereignisse. Und alle Knoten sind noch nicht entwirrt. Lesen!

Der Architekt und das verlockende Land – hier unweit von Triest.
Fotos: VHS

Karl Friedrich Schinkel machte sich schon Anfang des Jahrhunderts auf den Weg nach Italien. Eine Studienreise. 1824 folgte eine zweite. Wieder ging es um Bauliches, aber auch um Erbauliches. Um Erhabenes. So notiert er am 4. Oktober des Jahres im Tagebuch: “Morgens fuhren wir, die Villa des Raffael zu sehen, ein einfaches Häuschen, worin dieser große Meister wohnte, mit kleiner Vorhalle und Balkons aufs gemütlichste, aber ganz ländlich eingerichtet.” Ob die Beobachtungen was taugen, wird sich zeigen.
Theodor Fontane war ebenfalls zweimal in Italien, im Jahre 1874 mit seiner Gattin Emilie und dann im Jahr darauf allein. Man fuhr mit der Bahn. Dieter Richter schreibt: “Auch Fontane musste nach Italien reisen, um seinen Weg in Deutschland zu finden.” Der Süden, so schließt Richter aus den Worten des Dichters, sei allerdings “Komplementär- und Kontrasterfahrung” gewesen. Nun ist Theodor Fontane also noch mehr und für den Rest seines Lebens “Nordlandsmensch”. Erhalten geblieben sind Skizzen und Beschreibungen von Plätzen und Kirchen. Auch Solo wird er nicht zum Taugenichts. Der Massentourismus ist ihm suspekt. “Sonst reisten bevorzugt Individuen, jetzt reist jeder und jede”, hatte er schon 1873 in der Vossischen Zeitung geschrieben. Also Taugenichtse als Masse? Strandbanausen überall? Landbeschmutzer unterwegs? Von Romantikern wie Eichendorff gelockt? Der war übrigens nie in Italien. Die Seelenlandschaft entstand im Kopf. Das konnte den beiden Architekten aus Neuruppin nicht reichen. Nicht bei Gebäuden, nicht für Romanwelten. Was sie schufen, sollte was taugen. Und?

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