Ein nächtlicher Blick auf die Leuchtkräfte der Nacht im Norden der Republik. abfotografiert aus der Dierckewelt.
„Eine mitteleuropäische Stadt mit 30 000 Einwohnern bildet nachts eine Lichtglocke, die den Himmel im Umkreis von bis zu 25 Kilometern aufhellt“, heißt es bei Diercke. Das scheint im Falle von Neuruppin der unweit entfernten Kyritz-Ruppiner Heide nicht zu schaden. Die Organisation DarkSky International hat sich den Schutz der Dunkelheit auf die Fahnen geschrieben. Nun hat das besagte Gebiet die Zertifizierung als Internationaler Sternenpark erhalten. Grund genug, sich von bekannten literarischen Stimmen mal mitnehmen zu lassen hinaus die Nacht.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
“Am Himmel steht der Abendstern”, weiß Luise Hensel. “Der sieht recht lieb und lind.” Und was sieht er? Ein “bleiches Kind, ein frommes Kind”. Und das in Berlin im Jahre 1817. Theodor Fontane schreibt nicht von Nachtwanderungen durch die Mark Brandenburg. Aber in der Ruppiner Schweiz hat er zumindest ein Auge für “ein helleres oder dunkleres Abendrot”. Die Nutzbarmachung der Elektrizität für Beleuchtungszwecke sprengt das 19. Jahrhundert. Ob Lampenschein Fontane so fasziniert hat wie die Eisenbahn? Auch für die Sterne hatte er manchmal ein Auge. In “Rosamundens Tod” liest man irgendwann: “Es glitzert dort, halb Teich, halb See, im Mondlicht jetzt die Welle”. Schon dem Achtzehnjährigen sind die “lieben Sterne” ein ganzes Gedicht wert. Sehnsüchtig geht der Blick des Jungen Mannes “nach dem ew’gen Himmelszelt”.
In der Zeitschrift “mare” konnte man in der Ausgabe zum Jahreswechsel lesen, wie wenige Plätze oder Gegenden echter Finsternis noch vorhanden sind auf der Erde. Würde die halbe Welt dahin aufbrechen, etwa mit Kreuzfahrtschiffen oder KfZ-Karawanen, würde der massive Rückgang noch weiter beschleunigt. Das wird man fürderhin auch in der Kyritz-Ruppiner Heide bedenken müssen.
Bei “mare” weiß man: “Weltweit leben vier von fünf Menschen – und in Europa nahezu jeder – unter einem von künstlichen Lichtern erhellten Nachthimmel.” Nächtliche Fotos aus dem Weltall lassen an verheerende Brände denken. Lichtmüll überall. Fast.

abfotografiert aus Kirche im NDR
Georg Heym ist als Großstadtdichter berühmt geworden. “Der Gott der Stadt” elektrisiert immer noch. Heyms Gedichte aus Neuruppin zeigen aber auch romantische Züge, etwa am Weinberg. Ein Jahr nach der “Verbannung” dichtete er: “Die hohe Nacht ruht auf dem Land, auf Wald und Tale.” Und weiter: “Zu blauer Schale und dunklem Rand des Himmels Pracht sich wölbet rund, von Hang zu Hang.” Und schließlich: “Darein gelassen die zarten blassen Sternbilder. Blank auf Sammetgrund.” Ob der Schlaflose doch mal klammheimlich aufgebrochen war Richtung Temnitztal?
Die Sterne gehören zu den Leitmotiven der Lyrik, weltweit. Man denke nur an Mascha Kalekos Verse aus dem Jahrhundertjahr der über die Welt kommenden NS-Finsternis. “Die Nacht, in der das Fürchten wohnt, hat auch die Sterne und den Mond.”
“Der Schnee ist unterm Mond so schön”, schwärmt Eva Strittmatter in “Schneemond”. War Schulzenhof überhaupt elektrifiziert? In Ostberlin hatten die Strittmatters viele Jahre noch eine kleine Wohnung in zentraler Lage. Und in Metropolen gelten Lichtreklame oder Lampenparolen schon lange als Zeichen des Fortschritts. Des Wachstums. Des Wohlstands.
Mild muss das Mondlicht nicht wahrgenommen werden. Erich Arendt malt auf seine Art sogar eine “messerweiße Schneide des Monds”. Die Sichel dürfte gemeint sein, dieses polyvalente Sinnbild. Nicht nur in seinen Versen geht es auch um die Stille, die Ruhe, das Lautlose. Der verschwundene Lärm wird in der Kyritz-Ruppiner Heide sicher besonders den Menschen bewusst werden, die unter der Jahrzehnte währenden Nutzung zu militärischen Zwecken schwer gelitten haben. Krasser könnte ein Kontrast kaum sein.
Beobachtungsplätze sollen gestaltet werden. Hinweistafeln auf der Autobahn sind sicherlich nicht geplant. Oasen vertragen keine Massen. Geheimtipp würde reichen, um die Sternenlandschaft zu bewahren. Groß steht der Heideturm auf dem Heinz-Sielmann-Hügel. Unbeleuchtet. Die Strahlkraft dieses Leuchtturms speist sich aus anderen Quellen.
