“Sprechstunde Demokratie” – noch nicht der große Durchbruch in Neuruppin

An der Medizinischen Hochschule Brandenburg hat sich eine Gruppe gebildet, die sich im Sinne des Mottos “First Aid for Democracy” engagieren möchte. Nach einer ersten Gesprächrunde im Alten Gymnasium über das Verständnis der Versammelten von Demokratie hatte man nun ins Museum eingeladen. In einer ersten “Sprechstunde Demokratie” sollte es um die Frage gehen: “Sind Hochschulen politische Räume?” Die Resonanz war mäßig. Die Behandlung des Themas aspektreich.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Ins Rampenlicht hatte man Dieter Nürnberg gelockt. Bella Hillebrecht und Julian Frick moderierten. Der in der DDR aufgewachsene Mediziner war von 2014 bis 2016 Gründungsdekan der MHB. Sonst Experte für Ultraschall war der Professor a. D. an diesem Abend als Kenner von Hochschulstrukturen, speziell in Neuruppin, als ehemaliger aktiver Kommunalpolitiker und als kritischer Bürger gefragt. Leider konnte Maja Peers als Leiterin des Museums nur wenige Gäste begrüßen, die anderen Gruppenmitglieder nicht mitgezählt.
Die Frage, ob Hochschulen politische Räume sind, hatte um 1968 in der sogenannten BRD enorme Sprengkraft. In der DDR wurde sie von den führenden Köpfen in der SED selbst beantwortet im Sinne der Verpflichtung, in den Hochschulen politisch auf Linie der Partei zu bleiben. Sicher wäre es oberflächlich, die Studierenden im Westen in jenen Jahren allesamt als aufbegehrend zu klassifizieren und die Studierenden in der DDR allesamt als angepasst.
Was die Ausbildung von Medizinern und Medizinerinnen an einer Hochschule wie in Neuruppin anbelangt, fiel Nürnbergs Antwort eindeutig aus. Da es um die Behandlung von Menschen gehe, um Prävention und um Nachsorge, sei der Beruf hochpolitisch. Und der immer noch ein bisschen ultraschallaktive Dozent beansprucht nicht nur für sich, dass es Fortschritte gebe, etwa im Hinblick auf frühe Praxisanteile, aber auch durch die Behandlung heikler Situationen im Rahmen der Ausbildung. Man sei dem Gemeinwohl verpflichtet, auch wenn die Akteure im Beruf in der Regel nur den einzelnen Menschen vor sich hätten. Das werde auch nicht durch die kapitalistisch geprägte pharmazeutische Industrie aufgehoben, von der Honorarfrage im Arztberuf auch nicht. Reformbedarf sieht Nürnberg im herrschenden Zulassungswesen.
Das Gesundheitssystem, ein Politikum schlechthin, schon wegen der Finanzierung, geriet nur kurz in den Fokus. Es sollte ja um die Hochschule gehen. Nürnberg sieht in den Gremien der MHB Möglichkeiten der Partizipation. Und die Führungsstruktur gewähre Raum für die nötigen Entscheidungen. Dass es diesbezüglich auch kritische Stimmen gibt, wurde deutlich. Inwiefern die deutsche Hochschullandschaft selbst ein Politikum ist, musste nicht weiter erläutert werden. Man konkurriert im Bundesland und noch viel mehr auf Bundesebene. Wie wichtig der Draht zur Politik ist, weiß Nürnberg insbesondere aus der Gründungszeit. Qualifizierte Abschlüsse, also eine moderne Ausbildung, die Kompetenz vermittelt und bei aller Technik und Chemie durch Menschlichkeit und fachliche Sicherheit überzeugt, das müsse das Markenzeichen der MHB sein.

An Friedensgesprächen mit Dieter Nürnberg interessiert: Wolfgang Freese.
Fotos: VHS

Dieter Nürnberg wollte einst Sportmediziner werden. Das Stichwort Kriegstüchtigkeit brachte er ein, um die Frage nach Friedenspolitik und Medizinethik zu stellen. Menschenwürde wäre ja auch missverstanden, wenn sie national oder gar nationalistisch definiert würde. Die Anregung von Wolfgang Freese, einst wie Nürnberg engagiert im friedlichen Kampf für die “Freie Heide”, mit ihm über internationale Friedenspolitik eine gesonderte Veranstaltung zu machen, wurde zumindest nicht negativ beantwortet. Die könnte auch in der Hochschule stattfinden, folgt man Nürnberg, denn die Hochschule solle auch Ort des explizit politischen Disputs sein, offen für alle Positionen. Kraft Amtes von der MHB aus politische Empfehlungen zu geben, das gehe allerdings gar nicht, da gab es keinen Widerspruch. Der Vorschlag, zum Disput auch der AfD die Saaltür zu öffnen, stieß auf Widerspruch. Frauen sollten nicht Kräfte einladen, die sich erklärtermaßen gegen weibliche Autonomie aussprächen.
Die Bereitschaft von Maja Peers und ihrem Team, die Museumstür für diese souverän moderierte Sprechstunde weit zu öffnen, wurde mit Dank und Applaus belohnt. Wie mehr Interesse geweckt werden kann angesichts der Gefährdung der Demokratie, auch durch plebiszitäre Elemente, werden sich die Akteure und Akteurinnen überlegen müssen.

Auch interessant

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert