Von Liebesschmerz und Liebesglück, von Verzweiflung und Fröhlichkeit

Wie es im Garten Eden zuging zwischen Mensch und Mensch, lässt sich nur ahnen. Nach der Paradieszeit soll es zwischen Mann und Frau zumindest sehr viel Liebe, aber auch Verzweiflung und Enttäuschung gegeben haben. In der gut besuchten Siechenhauskapelle wurde ein Musikliebhaberprogramm in allen Farben gegeben. Es durfte natürlich auch mitgeweint und mitgejubelt werden bei den “Spezereien des Amor”.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Geht ihr meine Thränen
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“Spezereien?” Das klingt schon ziemlich speziell. Man durfte spekulieren. Anna Cron verriet bei der Begrüßung der Gäste noch nicht, was die Sänger Johannes Wieners und Jonathan Boudevin und der Lautenspieler Max Hattwich unter dem Motto “Spezereien des Amor” darbieten würden. Köstlichkeiten? Seelenschmerz? Oder mal eine Lateinlektion? “Lacrimae” stand auf dem Programmzettel. John Dowland hatte sich von dem Jammer inspirieren lassen.
Wer Verse von Catull kennt, etwa “Wie sich Liebende hassen”, wird Taschentücher für die bitteren Tränen eingepackt haben, wenn Amor Regie führt. Tatsächlich saß der Countertenor plötzlich vorne vor dem Altar, auf dem Fußboden, in sich versunken, von Schmerz gebeugt, aber nicht stumm oder blindwütig. Johannes Wieners ging nicht nur bei dieser Schicksalsnummer in die Rolle hinein, schaute verzweifelt, dann hilfesuchend. Dagegen blieb der Bariton stets eher etwas reserviert und setzte ganz auf die Wirkung des Gesangs. Mit Liedern aus der Zeit des Barock wie “Villanella ch’all’aqua vai” von Gian Leonardo Mollica ließen die Musiker die Gefühle fließen. Solopartien von Hattwich an den sensiblen Saitenintrumenten gaben Gelegenheit zur Besinnung.

In sich ruhend und selbst in Liebesnöten ein sicherer Begleiter: Max Hattwich.

Es dürfte verlockend sein, eine solche Liebestour durch Italien, Deutschland, Frankreich und das Vereinigte Königreich komödiantisch anzugehen. Wieners als Wahnsinniger? Boudevin als Schmerztherapeut? Hattwich als Trostspender? In der Siechenhauskapelle blieb es beim Konzert traditioneller Art mit seliger Sehnsucht und ewiger Suche nach dem Liebesglück, das Auditorium zeigte sich hocherfreut. Kein Mensch zu sehen, der hier schon die DatingApp aufrief oder vor Schmerz hinauslief. Dass an diesem Wahltag prozentual mehr Männer als gemeinhin zugegen waren, ist sicherlich nicht dem Zufall geschuldet, sondern der Verlockung der “Spezereien”.

Hinaus aus dem Tal der Tränen, aber wohin wird Amor den Grübler führen?
Fotos: VHS

Verse wie “Geht ihr meine Tränen” von Andreas Hammerschmidt sind natürlich leichter zugänglich als “Soupirant au bord de Seine” von Etienne Moulinie. Es oblag den Musizierenden, das “Seufzen am Ufer der Seine” spürbar zu machen und Imagination zu wecken. Das Verlangen der Versammelten nach einer Zugabe war der beste Beweis für die tolle Resonanz. Wer nicht die Zeit hatte für den Zauber der Liebesmusik, mag sich mit der Vorstellung trösten, das stimmlich so unterschiedlich gepolte Paar und den seligen Sound der Theorbe irgendwann auch noch erleben zu dürfen. In Neuruppin oder andernorts. Amor selbst traf noch kein tödlicher Pfeil. Ob der Himmlische weiß, dass es Menschen gibt, die ihn hassen, weil er Pfeile in allen Paradiesfarben im Köcher hat und Weltgott ist?

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