Es gibt viele Gründe, Simon Strauß einzuladen. Ins Tucholsky-Museum lud man ihn zu einer Lesung aus seinem jüngsten Werk mit dem Titel “In der Nähe” ein. Es geht um nicht weniger als den geteilten Himmel über Ost- und Westdeutschland, um die tiefen Gräben in der politischen Landschaft, aber auch um eine neue alte Bürgerlichkeit in Stadt und Land – etwas unbestimmt nur “Nähe” genannt.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
Eigentlich ist Simon Strauß Theaterkritker. Bislang gehören literarisches Schreiben und journalistisches Recherchieren eher zu seinen Nebentätigkeiten. Seine Kritiken sind immer wieder ein Grund, die FAZ zu studieren. Moden und Bodenlosigkeiten macht er nicht mit, post- oder postpostmoderne schon gar nicht. Im recht gut besuchten Museum, Schwerpunkt 60 plus, ließ der Vorleser das Auditorium teilhaben an seiner schulischen Prägung durch die unbeaufsichtigte regieaktive Beschäftigung mit Thornton Wilders Schaustück “Unsere kleine Stadt”. Was das Gemeinwesen ausmacht, wie wichtig Gemeinsinn ist und was die Kommunikation der Kommunarden für Kräfte freisetzen könnte, das ist das Thema. Auch in dem Werk “In der Nähe”. Im Visier: Prenzlau. Nicht der Berg, sondern die Stadt, die der stark westlich geprägte Sohn von Botho Strauß berufsbedingt immer wieder besucht hat. Der Stoff gerät zum Lehrstück, lernen positiv verstanden.
Mit Corporate Identy kommt Strauß nicht daher. Aber er erzählt später, wie sich so etwas wie kollektive Identität formte in Prenzlau, als die Landesgartenschau in der gebeutelten Kleinstadt anstand. Lokale Geschichte ist für Strauß potenziell identitätsstiftend – mit allen Brüchen, mit allen Höhen und ohne Kitsch. Außensicht dürfte nicht in Arroganz als westliche Besserwisserei gegenüber den östlichen Schlechtergestellten daherkommen. Also sich einlassen. Was der Soziologe Steffen Mau empirisch erarbeitet hat, wird von Strauß empathisch entfaltet. Die gute Absicht ist auch im Museum herauszuhören.
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Foto: VHS
Die Aufmerksamkeit “bei Tucholsky” nahm noch etwas zu, als das Wort “Flüchtlingsunterkunft” fiel. Bürgermeister Frank-Rudi Schwochow war – anders als bei Max Czolleks angriffslustiger Stadtschreiberlesung zur Verteidigung des Museums – leider nicht im Raum. Für den Journalisten steht der Konflikt in Prenzlau, wo ein großes Bürohaus als mögliche Flüchtlingsunterkunft zum Zündstoff wurde, stellvertretend für Entfremdung und Fehlverhalten. Die CDU-Landrätin sei (“aus formalen Gründen”) nicht Willens gewesen, einem sehr eindeutigen Bürgervotum gegen das Projekt zu folgen. Zuerst war streng juristisch von einer “Pflichtaufgabe” der Kommune die Rede, über die kein Votum der Bürger ergehen könne. Dann fehlte plötzlich die Dringlichkeit. Der Nachfolger könnte 2026 von der AfD kommen, orakelt Strauß.
Flecken Zechlin ließ grüßen. Ist ja in der Nähe. Und Teil der Kommune. Dann der bundesweit beachtete Konflikt um das Tucholsky-Museum. Moderator Peter Graf brachte, als er direkt auf das Thema inklusive mögliches Bürgervotum über das Museum angesprochen wurde, zum Ausdruck, wie komplex der Konflikt sei. “Und immer noch ungeklärt!” Die Stadt zahle in der Tat viel. Simon Strauß hörte sehr interessiert zu. Er hatte ja selbst angedeutet, dass es nicht nur ein “Prenzlau” gibt, sondern unzählige.
Simon Strauß plädiert dafür, sich wieder stärker, also intensiver und ehrlicher aufeinander einzulassen, eben nahbar, wie Nachbarn, die das Nächstliegende angehen. Ohne Mauern. Demokratie aktiv leben. Verantwortung wagen und teilen. Und die spezifische Erfahrungen aus 40 Jahren DDR einfließen lassen. Andernfalls werde die Sehnsucht nach “Führung” zunehmen, gerade durch die entgrenzende Globalisierung und die unechte Nähe der virtuellen Welt.
Mit seinem Wort vom “geteilten Himmel” nimmt er den Titel der auch früh im Westen gedruckten Erzählung von Christa Wolf auf – zwei Jahre nach dem Bau der Mauer erschienen und am Ende eindeutig Pro Sozialismus Ostberliner Art, auch zum Preis der vom Westen mitverursachten Teilung. Die Position hielt sich bei nicht wenigen klugen Köpfen bis zum 4. November 1989. Simon war mit den Eltern im Westteil nah dran und doch sehr fern. Vollwessi könnte man auch sagen. Später östlich beheimatet, aber ausdrücklich im ehemaligen Westberlin beschult. Die Psychologie hat dafür diagnostisch scharfe Begriffe.
Die Doppeldeutigkeit des Himmelsbildes lässt Simon Strauß im Buche mit der Hoffnung schließen, aus dem “geteilten Himmel zwischen Ost und West” werde mittels neuer Nähe und nachhaltiger echter Erfolge bester Bürgerlichkeit ein “geteilter Himmel über Deutschland”. Das Entgiftungsprogramm kommt womöglich gerade recht zum Superwahljahr 2026. In Prenzlau selbst hat er das Buch im Gespräch mit Matthias Platzek vor 250 Gästen präsentiert. Also mit dem ehemaligen Ministerpräsidenten von Brandenburg. Ob der als SPD-Mitglied gleich ein Geschenkexemlar für den Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier mitgenommen hat? Und noch eine Frage: Ob Simon Strauß wohl eine Einladung aus AfD-Kreisen annähme? In Rheinsberg wirkte es so. Agiert die Partei in Prenzlau bürgernah und von den anderen Parteien ist niemand da, spottet er: “Vermutlich auf einer Strategie-Konferenz.”

