“Tage der Nachhaltigkeit” enden mit Sighard Neckels “Katastrophenzeit”

Der letzte Tag in der Veranstaltungsreihe von “Klima und Alltag” zur Nachhaltigkeit war zugleich der 75. Geburtstag des Bundesverfassungsgerichts. Dass der Sozialwissenschaftler Sighard Neckel auf ein wegweisendes Urteil aus Karlsruhe zurückgriff bei seiner Lesung in der Fontane-Buchhandlung aus “Katastrophenzeit”, war nicht dieser Tatsache geschuldet. Die Moderation hatte Wilfried Silbernagel. Am Ende gab es viel Beifall – auch für die Reihe und die Initiatoren. Besonderer Dank galt der Buchhandlung, die diesmal nicht Veranstalterin war.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Es ging an diesem Abend im besten Sinne des Wortes ums Ganze, ausgehend von zwei “Nachrichten”, die den Autor bewegten, sich nach anderen Publikationen nun als pensionierter Hamburger Professor mit “Katastrophenzeiten” zu befassen. Vorab stellte er bei “Fontane” klar, dass nicht mit Geschichten oder Gedichten zu rechnen sei. Schade eigentlich, wenn man an Werke wie die tragische Weltfortschrittsballade “Die Brücke am Tay” denkt und die Faszination von Kohlekraft, Dampfmaschine und Fortbewegung.
Nachricht Nr. 1: “Beim derzeitigen Stand der globalen Erwärmung könnten rund 40 Prozent des Eises in der Westantarktis langfristig unumkehrbar verloren sein. Zugleich könnten Teile der Ostantarktis bei moderaten Erwärmungsniveaus von 2 bis 3 °C gegenüber dem vorindustriellen Niveau kritische Schwellen überschreiten und damit erheblich zum langfristigen globalen Meeresspiegelanstieg beitragen.“ (Max-Planck-Institut für Geoanthropologie)
Nachricht Nr. 2: “Durch das Wachstum der Weltwirtschaft hat die Natur massiv an Artenvielfalt verloren – ein Risiko für die Wirtschaft, die Finanzstabilität und das Wohlergehen der Menschen.“ (Weltbiodiversitätsrat) Neckel ging noch etwas weiter, indem er langfristig nicht nur das „Wohlergehen“ als gefährdet bezeichnet, sondern das Leben der Menschheit schlechthin.

Nordseeküste nach der Katastrophe: Hans-G. Rauch einst in “Die Zeit”.
Foto: Genehmigung der Erben liegt vor.

Auf dieser Grundlage lassen sich Katastrophenszenarien forsch entfalten. Was der einzelne Mensch zum Niedergang beitragen kann, Krankheit und Leibesfülle inbegriffen, zeigte die Fleischbeschau im Werk bis hin zur Wahlpräferenzen bei Tisch und an der Urne. Man muss das lesen, am besten am Imbissstand oder in einer Kantine ohne Vielfalt. Als Nachtisch reicht der Autor: “Die weitaus größte Ablehnung, auch nur gelegentlich auf Fleisch zu verzichten, findet sich bei den Wählern der AfD.” Ausführlich geht Neckel in einem späteren Kapitel auf politische und gesellschaftliche Transformationsprobleme ein – von der “Abschaffung des Kapitalismus” bis zur “Gefahr, dass die Demokratie ökologisch an den Herausforderungen des Klimawandels scheitert und sozial an die Grenzen der Zustimmungsbereitschaft gelangt”.

“Ich glaube an die Möglichkeiten der parlamentarischen Demokratie!”
Foto: VHS

Im offenen Gespräch legte der Autor dar, was auch den Schluss des Buches ausmacht und ihn nicht ohne ein Augenzwinkern vom “Infrastruktursozialismus” schreiben lässt. Bei “Fontane” fiel das Zweitwort nur ganz zaghaft. Anders der radikale Hinweis, dass die Klimapolitik unbedingt die Hauptbelastung den Hauptschuldigen aufbürden müsse, also soziale Aspekte berücksichtigt, gerade wenn auch fürderhin Lohnarbeit und Kapital gegenüberstehen, also als Basis eine kapitalistische Wirtschaftsordnung besteht, heute mit Verarmung in Massen auf Straßen und gierigen Milliardären und Milliardärinnen hinter Mauern. Von Autokraten und Diktatorinnen und ihren Parteigetreuen erwartet Neckel keine adäquate Klimapolitik. Zumindest war davon noch kein Nachricht Nr. 3 zu hören oder zu lesen. Olympia 2008 in Beijing mit blauem Himmel und smogfreien Tagewochen war, wenn man das aus eigener Anschauung ergänzen darf, eben nur eine Episode im Schaukapitalismus von Kommunisten.

“Klima und Alltag” gratis zu Gast in der Fontane-Buchhandlung Neuruppin.
Foto: VHS

Bleibt die Frage nach jenem Urteil aus Karlsruhe. Bei “Fontane” war es nur ein Hinweis, verknüpft mit Hoffnung versprühenden Projekten im Alternativbereich der Energiegewinnung, auch in Brandenburg. Hier sei es ausführlicher einbezogen: “Dass Treibhausgasemissionen gemindert werden müssen, folgt auch aus dem Grundgesetz. Das verfassungsrechtliche Klimaschutzziel des Art. 20a GG ist dahingehend konkretisiert, den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur dem sogenannten ’Paris-Ziel’ entsprechend auf deutlich unter 2 °C und möglichst auf 1,5 °C gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen. Um das zu erreichen, müssen die nach 2030 noch erforderlichen Minderungen dann immer dringender und kurzfristiger erbracht werden. Von diesen künftigen Emissionsminderungspflichten ist praktisch jegliche Freiheit potenziell betroffen, weil noch nahezu alle Bereiche menschlichen Lebens mit der Emission von Treibhausgasen verbunden und damit nach 2030 von drastischen Einschränkungen bedroht sind. Der Gesetzgeber hätte daher zur Wahrung grundrechtlich gesicherter Freiheit Vorkehrungen treffen müssen, um diese hohen Lasten abzumildern.”
Mal eine ganz andere Art, nachhaltig auf Kinder- und Jugendgefährdung hinzuweisen, die Warnungen der Geoanthropologen und des Biodiversitätsrates nun inklusive und die Stromrechnung für Handynetzebänder im Kopf. Sighard Neckel ist mit “Katastrophenzeit” szenarisch vermutlich auf Gefährdungshöhe. Über “Infrastruktursozialismus” wird gewiss noch reichlich diskutiert werden, auch in Bus und Bahn, am Wasser und in freier Natur an der frischen Luft. Atmen – das größte Infrastrukturnutzungsprojekt mit täglich mehreren Milliarden Aktiven! Ob Enteignungen nötig sein werden, da Gottes Welt der Menschheit gehört – eben wie eigentlich alle Infrastruktur einer republikanisch orientierten Bürgerschaft? Neckel wollte sich mit diesem Problem an diesem Abend nicht verlinken. Republikanismus ist eben erst vom Fontaneverehrer Simon Strauß in der FAZ als Leitwort angeboten worden für Bewegungen im Sinne des Gemeinwohls, frei von Mauern und Denkverboten. Nochmal Neckel: “Es ist nicht der Kapitalismus allein, der unser modernes Leben bestimmt.” Aus der Reihe der wertvollen Systemfremdkörper seien drei Beispiele des pensionierten Gelehrten von der Elbe genannt: Sozialversicherung, Freiwillige Feuerwehr und der FC St. Pauli. Als oasische Utopie gerät die “ökologische Einhegung des Kapitalismus” in die letzten Sätze. Einhegung? Also doch etwas gepflegte Poesie…

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