“Nah am Feuer”: Erwärmende Klänge in der Siechenhauskapelle

Ein volles Haus hätten sie verdient gehabt. Stattdessen: kaum mehr als ein Dutzend Gäste in der Siechenhauskapelle, als Diana Ramirez und Charlie Zhang aufspielten und faszinierten. Es spricht für ihre Professionalität, dass sie nicht von Launen und Zufällen im Sonntagsleben einer Kulturstadt wie Neuruppin abhängig sind. Ihre erwärmende Art speist sich aus anderen Quellen.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Charlie Zhang eröffnete mit sanften Klängen am Theorbe. Die Sängerin verharrt noch im Hintergrund. Dann schreitet sie langsam zum Altarraum und lässt eine Nachtigall singen. Anmutige Klänge, ergreifende Erinnerungen und tiefe Sehnsucht prägen auch andere Lieder. Erläuterungen helfen manchmal, wenn man nicht zu Hause ist in den Sprachen der Komponisten, doch ein Handzettel, wie es ihn hier dankenswerter Weise schon manchmal gab, wäre noch hilfreicher gewesen. “Come again” zum Ausklang, eine Komposition von John Dowland, möchte man den beiden sympathischen Akteuren selbst mitgeben als Wunsch. Hat sich dann herumgesprochen oder im Netz verbreitet, wie bezaubernd das Duo wirkte, werden die Stuhlreihen kaum reichen.
Man denke nur an “Laissez durer la nuit” von Sebastien Le Camus. Für einen Moment scheint Charlie Zhang gemeint zu sein. Dann geht der Blick und der Wunsch einer ewig währenden Liebesnacht in die Ferne, in die Höhe. Oder nach Innen. Ins Unerschöpfliche. Diana Ramirez spielt ein bisschen Theater, verliert sich aber nie im Spiel. Und im Applaus auch nicht. “Can she excuse my wrongs?” von John Dowland ist später bloß eine Rollennummer. Männersorgen. Immerhin. Auch solche Anwandlungen weiß sie mit ihrem Mezzo-Sopran eindringlich vorzutragen. Charlie Zhang hat längst zur Laute gegriffen, nicht um lauter zu tönen. Unaufdringlichkeit ist sein Markenzeichen. Feingefühl versprühen auch seine kurzen solistischen Passagen.

Wohldosierte Theatralik: Diana Ramirez und Charlie Zhang.
Fotos: VHS

Als frühestes Geburtsdatum eines Komponisten wird 1551 genannt. Als spätestes Todesjahr 1777. Ein Schwerpunkt lag also im Barock. Das Siechenhaus soll es seit 1491 geben. Von der Heilkraft der Musik dürfte man einst noch zu wenig gewusst haben, zumal bei Siechtum. Girolamo Alessandro Frescobaldi (1583 bis 1643) komponierte “Se l’aura spira”, als zumindest die deutschsprachige Lyrik von Jammer, Gottesfurcht und Kummer geprägt war. Rosenzauber dieser Art aus Italien, lieblich, aber nie kitschig dargeboten – ein Traum! Nicht erst da mochte in der Siechenhauskapelle niemand mit Applaus geizen. Wer aber just zu dem Zeitpunkt draußen auf der Gasse vorbeischlich oder sich auf dem Hof mit Speis, Trank und Geplauder begnügte, müsste sich eigentlich fragen angesichts der Klänge aus dem Gotteshaus und der bald auftauchenden strahlenden Gesichter: “Habe ich was verpasst?”

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