Groß aufgestellt: Ein Hinweis auf die Veranstaltung am Hugo-Eckener-Ring
Der Sohn Neuruppins soll Pate stehen, wenn es Anfang September 2026 auf dem Neuen Markt “Schinkels Marktgeflüster” gibt. Drei tolle Tage sind im Angebot, folgt man der Ankündigung von Veranstalter Christian Juhre. Man denke nur an die “Schinkel Edition”, also den Wein von der Ecke, nicht die Werke. Das neue Format ist sicherlich als Experiment zu verstehen. Da wird man auch ein paar Textproben von Karl Friedrich Schinkel beisteuern dürfen, getragen von Neugierde, was da kommen mag Anfang September.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
In den Tagebüchern von Karl Friedrich Schinkel, die er auf Reisen anfertigte, ist nicht oft von der Gastronomie, von Mahlzeiten oder gar Festlichkeiten die Rede. Ein paar Textstellen ab 2. Mai 1826 aus Paris mögen erstmal genügen: „Im Cafe Port St. Denis wurde gefrühstückt.“ „Beim Restaurant Roche de Cancalle wurde mit viel Fisch teuer zu Mittag gespeist.“ „Bei Baron von Werther dinierten wir.“ „Nachdem wir in St. Cloud gefrühstückt hatten,…“ „Nach dem Frühstück fuhren wir…“
Hineingeboren in eine bürgerliche Familie seiner Zeit, mag es spätestens nach dem Tod des Vaters im Oktober 1787 in der Unterkunft im Predigerwitwenhaus nicht gerade üppig zugegangen sein für die Geschwisterschar bei Tisch. Man hatte nach der Feuerkatastrophe sicher andere Sorgen als die Zahl der Gänge, das beste Gewürz oder ein delikates Dessert. Doch Schinkel bedient sich in Frankreich gerne der Küchenmetaphorik, wenn es um die von der Insel rüberwachsende Industrie geht. Sogar von Kuchen ist die Rede und natürlich von Öfen: „In Charenton sahen wir die große Fabrik (eines Barons aus England), welcher mit 500 Engländern aus England ging, um eine enorme Fabrik für den Bau von Dampfmaschinen, für Eisenguss und Eisenstreckerei hier anzulegen. (…) Das Roheisen wird in einem Ofen mit Herd und Gewölbe gewonnen, die Masse ohne Vermischung ganz rein darin gehalten. Sie wird nach Maßgabe gerührt, mit Wasser bespritzt, gedreht, bis alles wie Sand auseinanderfällt, dann geht sie wieder in einen Klumpen zusammen, dieser Klumpen oder Kuchen wird unter einem kolossalen Hammer viereckig behauen, dann von Neuem geglüht und gestreckt. Es gehört große Geschicklichkeit dazu; die Menschen arbeiten fast nackt und haben eine enorme Stärke. Wenn das Eisen schlecht ist, muss eine andere Prozedur vorhergehen, indem das Metall zum zweiten Mal in einem Raffinierofen geschmolzen wird; es läuft aus und wird mit Wasser übergossen, dass es leicht springt; die Stücke werden wieder geglüht und dann unter den großen Hammer gebracht.“
Man stelle sich einmal vor, Schinkel hätte mit gleichem Interesse und so audrucksstark über die Mahlzeiten und Genüssse, über Verheißenes und auf dem Küchenherd Erhitztes geschrieben. So aber ging es nach jenem Frühstück gleich hinaus zu einer Besichtigung. Sofort beginnen die Beobachtungen. Eine „schöne Mühleneinrichtung mit Gartenanlage“ lässt den Betrachter nicht an das täglich Brot oder die Früchte des Gartens denken. Ein wenig anders in der Nähe zweier Silos. Die Möglichkeit, in „Getreidegruben Getreide luftdicht zu verwahren“, beeindruckt ihn. Er erwähnt, längst auf dem Rückweg, „schöne Ziegen und Böcke“. An das kurz darauf folgende Mittagessen lässt ihn der fleischliche Anblick nicht denken. Paar Worte nur darüber. Geradezu begeistert ist er später vom Anblick einer „herrlichen und kleinen Dampfmaschine, welche in der Rue Richelieu hinter einem großen Glasfenster Chokolade arbeitet“. Lust auf was Süßes, was Ungesundes? Kein Wort davon. Sondern: „Das Gestell gleicht einem Tempelchen aus poliertem Stahl mit goldenen Säulencapitälen, Gliederungen und Gesimsen.“

Fotos: VHS
Nun ist der Neue Markt auch am Tag des Geflüsters für Kinder zugänglich. Der Spielplatz, gewiss ein Geniestreich, soweit es allein um die Wasserfluten geht. Was hier an Wasserleitung für die Jüngsten möglich ist, weiß zu würdigen, wer 1824 mit Karl Friedrich Schinkel im Geiste in Italien war: “Von dem Vergnügen, auf dem herrlichsten Wege das Wildeste und Größte in der Natur wie auf einem Spaziergang zu genießen, lässt sich keine Beschreibung machen”, gibt der Begabte sich bescheiden, um wenig später zu schreiben: “Bei (den) Blicken von oben hinab erkennt man recht deutlich, wie weit der Verstand und die Mühe des Menschen geht und wie er das Ungeheure in der Natur bändigt. Die wilden Bergwasser nämlich würden alles zerstören, (…) wenn man nicht in verschiedenen Höhen durch alle Alpenabhänge Wasserrinnen gezogen hätte, die, der Horizontale sich nähernd, mit geringem Fall die Bergwasser an bestimmte Orte zum Abfall führen und zum Teil auch dazu benutzt werden, um künstliche Bewässerungen auf den sehr abschüssig liegenden kleinen Alpenwiesen zu bewirken, welche bei brennender Sonnenhitze sonst ausdörren würden.”
Naiv ist Schinkel nicht. Er weiß als gebranntes Kind um des Menschen Grenzen: “Mir schien es, als wenn die Gewitter, besonders in den höheren Regionen, der Straße oft großen Schaden zufügten; hier trifft man ganze Strecken, wo die Bäume zerschmettert und umgestürzt sind, die Barrieren zerschlagen und die Straße selbst beschädigt haben.” Und etwas später im Tagebuch seiner italienischen Reise: “Reißende Ströme brechen heraus, die (…) in die Abgründe stürzen. (…) Es gibt nichts Wilderes und Schauerlicheres als diesen Anblick.”
Möge der Himmel an jenen Tagen in Neuruppin gnädig sein mit den Marktflüsterern und den Menschen, die lauschen. Die Karl-Friedrich-Schinkel-Gesellschaft gehört nicht zu den Veranstaltern, aber es solle Öffnungszeiten und Besuchsgelegenheiten geben in der Fischbänkenstraße 8, war in gut informierten Kreisen zu hören. Schon hier kann darauf hingewiesen werden, dass es nach Stand jetzt ein “Schinkelhaus” nicht gibt in Neuruppin. Zu viel heiße Luft kann gerade im Hoch-Sommer höchst sonderbar wirken und schwere Schnappatmung verursachen bei allzu leichtfertig Daherplaudernden.








Volkmar, du wächst ja über dich hinaus!
Und adelst diese Weinverkostung bevor sie stattgefunden hat!
Ich bin mal gespannt…