“Eli, Eli – es möge endlos sein…”, erklang gegen Ende.
Der Spätsommer lockte noch einmal in die Natur. Er kommt Ende September nicht so oft so sanft und sonnig daher. Gleichwohl folgten nicht wenige Menschen der Verlockung, in der Klosterkirche am Sonntagnachmittag die Ruppiner Kantorei zu erleben. “Gute Gründe” hatte das Ensemble das Konzert genannt, mit dem man zuvor schon unter der Leitung von Matthias Noack in Dessau und Köthen zu Gast war. Die Darbietung mit ganz unterschiedlich getönten Kompositionen aus vier Jahrhunderten kam sehr gut an bei den gut einhundert Gästen.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
Psalmen und religiös motivierte Gedanken, Alltagssorgen und Gottvertrauen, Konfliktfelder und Friedenssehnsucht, Gebet und Segen gehörten auch zum Kirchenkonzert. Annemarie Nippraschk fand den richtigen Ton für die “Guten Gründe”, ausgehend von den Grundlagen der christlichen Religion, aber nicht etwa nur auf die Christenheit beschränkt. Es geht um nicht weniger als um die Menschheit und die Welt in sorgenerfüllter Zeit. Nicht anders in der Musik, ob als mehrstimmiger, fein abgestimmter Chorgesang oder mit einem Intermezzo von Matthias Noack an der Orgel. Mit dem Motto “Gute Gründe” sind Fundamente, Ursachen und Motive gleichermaßen verbunden. Ein formallogischer Zugang wäre absurd als Weg einer christlichen Chorgemeinschaft.
“I will sing wih the spirit” von John Rutter und “Herr, auf dich traue ich” von Heinrich Schütz trennen Jahrhunderte. Dem Ensemble boten solche Werke die Gelegenheit, die weite Bandbreite der musikalischen Ausdrucksformen zu Gehör zu bringen. Dass der Applaus meistenteils leicht gedämpft blieb, war sicher dem religiösen Kontext und der Liturgie geschuldet. Am Ende aber hielten die aus guten Gründen Versammelten nicht mehr an sich und applaudierten voller Dankbarkeit und Anerkennung.

Kirchenmusikdirektor Matthias Noack war als Dirigent zu erleben, dann am Piano als Begleiter, dann an der Orgel als Solist. Als Moderator verriet er mit Humor, was man wirklich nicht wissen muss über Bach. Buchstäblich. Also vergessen. Die große Formation wurde etwas kleiner, als “Fürchte dich nicht” von Johann Sebastian Bach mit der gebotenen Ernsthaftigkeit dargeboten wurde. Noack erinnerte zuvor an einen Schicksalsschlag in der Familie des Komponisten. Als der Kirchenmusiker nach Köthen heimkehrte, war seine Ehefrau bereits beerdigt. Sie war zwischenzeitlich verstorben. Werkinterpreten sehen die Entstehung der Motette für zwei vierstimmige Chöre vor diesem tragischen Hintergrund. Engel singen, darunter auch sanftmütige Männerstimmen.

Fotos: VHS
Ein besonderes Gedenken galt Paul Gerhardt, der vor 350 Jahren verstarb. Auch sein Leben war von viel Leid und Mitleiden geprägt, nicht nur durch die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges. Verse vom “Menschlichen Elende” von Andreas Gryphius wären ihm gewiss zu wenig gewesen. Sein Gottvertrauen war nicht zu erschüttern. Der Chor sang davon und traf den Ton guter Gründe im Glauben in vier Variationen: “Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich”, öffnet im Gotteshaus nicht die Falltür zu Überheblichkeit und Selbstüberschätzung.
“Schenke mir, Gott, ein hörendes Herz” stand als zeitgenössisches Werk von Thomas Quast und Thomas Laubach traditionellen Kompositionen gegenüber, wie sie etwa Ferdinand Möhring aus Alt Ruppin gestaltete auf dem Grunde von Psalm 126. Es weckt die unterschiedlichsten Vorstellungen, was da mehrstimmig im Altarraum erklingt: “Herr, bringe zurück die Gefangenen, wie du die Bäche wiederbringst…” Bringt er? Ach, brächte er! So floss der Chorgesang anmutig und anrührend dahin, um selbst aus Lebensfreude etwas wiederzubringen, was im Lärm der Welt, in Kriegslüsternheit, im Konsumrausch, in Engherzigkeit oder an flachen Endgeräten allzuleicht verloren gehen könnte. Die Kirchentür stand offen. Dass ein paar Lustwandelnde hereingelockt wurden, hatte in den Darbietungen der Ruppiner Kantorei sehr gute Gründe, schon von Anbeginn mit “Jubilate Deo”. Welch eine spirituelle Sprühkraft!
