“Die Straße” von Robert Seethaler – überall? Also etwa auch in Neuruppin?

Der aus Wien stammende, aber nicht nur dort, sondern auch in Berlin lebende Schriftsteller Robert Seethaler hat sich auf die Straße gewagt. Oder besser: an die Straße. Oder noch besser: an irgendeine Straße. Denn das betont er bei jeder Gelegenheit: Die Heidestraße in seinem Roman genannten Werk “Die Straße” ist Fiktion. Zugleich hat sie etwas sehr Mitteleuropäisches. Sein Verfahren auf Neuruppin anzuwenden, ist natürlich nur ein Herumstolpern. Seethaler hatte als Autor schon weitaus bessere Tage und Wochen als jenes Jahr Streetlistening, -looking and -writing.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Eine Bäckerei, eine Schlachterei, ein Blumengeschäft, ein Antiquariat, eine kleine Kapelle, zwei gastronomische Angebote, ein Steuerberaterbüro, eine Arztpraxis, einige Mietshäuser, ein Amtsgebäude und eine Pflegeeinrichtung warten auf die Leser. Die ganze Straße ist damit nicht markiert, aber wichtige Schauplätze. Im Mittelpunkt der vielen völlig unterschiedlich angelegten Texte stehen die Menschen. Kein Vöglein singt, kein PKW kracht oder summt durch die Heidestraße, der Strom fließt, die Abwässer auch, das Wetter spielt nicht verrückt. Aber das Gerede nervt, das Raunen lockt, das Assoziieren, das Staunen. Statt eines allwissenden Erzählers gibt es Mitschnitt und nur selten Distanz und Weitblick. Lesend hört man, was in der Bäckerei geredet wird. Was Mieter vorhaben gegen die Machenschaften einer eklig erfolgreichen Immobilienfirma. Was der Antiquar denkt. Wie man juristisch schreibt. Wie einer eine Liebschaft phantasiert. Wie wer beichtet. Wie eine unziemlich Verliebte resigniert. Gehetzt wird auch, gezetert und gezagt. Und auf Gemeinschaft gemacht, etwa beim Straßenfest oder beim Weihnachtsmarkt. An Banalitäten ist kein Mangel. Tragisches und Trauriges gibt’s auch. Oft aus erster Hand. Dialoge bleiben in der Regel unkommentiert. Mit fortschreitender Lektüre wird klarer, wer gerade dran ist. Etwa bei den Verrichtungen im Pflegeheim Haus Abendschein.

Eben erst neu bestückt: der Kunstkiosk der Stadt.

Im Morgeninterview beim Sender rbb hat Seethaler verraten, dass er in Kreuzberg neben einer Pflegeeinrichtung wohnt. Was da mitzuerleben ist oder beobachtet werden kann, hat ihn berührt. Und was man nun hier liest, ist auch keine Schonkost. Man nehme nur die Scham, das Schamgefühl angesichts dieser unfreiwilligen Intimität. Ein “Nein!” aus Mannes Mund wäre sinnlos. Der Job will getan sein. So führt “Die Straße” hinter die Mauern. Draußen läuft echt nicht viel. Knappe Parkplätze? Anregende Spielgelegenheiten? Kein Thema. Parkanlagen, Beleuchtungs- und Sicherheitsfragen? Hä? Fremdländisches und Mundartliches? Nichts zu hören. Barrierefreiheit? Hitzeverträglichkeit? Verkehrsanbindung? Auch nix. Wenn’s so ist in der Heidestraße, was soll der arme Seethaler machen? Stolpersteine erfinden von wegen NS-Zeit?
Einmal wird ins Archiv gegriffen. Brandkatastrophen und kleinere Brände seit 1839. Allmählich abnehmende Gefährdung. Plötzlich ist von russischen Soldaten die Rede. Nachkriegszeit, Besatzungszeit! Also doch Österreich! Denn SBZ und DDR und die sogenannten neuen Bundesländer samt Neuberlin ließen sich so banal nicht erledigen. Die ostmoderne Asphaltigkeit wollte ganz anders angefasst werden. Die OAZ wäre ein Blatt dafür.

Was mögen da wohl für Menschen leben – und wie?
Fotos: VHS

Nehmen wir westgeschädigt dennoch mal die Straße der Fotostrecke. Jeder und jede kennt sie. Lebensläufe unterwegs. Schicksale. Zu Hause. Auf der Straße. Zu Fuß streckenweise Lebensgefahr. Fahrradhalber.
Dann der große Name. Auf Schildern kurze Info. Doch was war los zur DDR-Zeit und zuvor, wo heute Schönheitspflege, Rechtspflege, Autopflege, Seelenheil, Dönerhungerstillen, Steuerfragen, Kirchliches, Arztpraxis, Atelier, private Kita und Sanitätsdienstleistung platziert sind? Was für Gespräche heute, was für Geschichten? Und dann schöner wohnen, gegenüber aufgereiht? Oder in sanierten Altbauten, die Saturierten gehören? Dann die Kunst im Kiosk. Regelmäßiger Wechsel. Kommentare?
Es gibt Parkplätze. Und paar Sitzgelegenheiten, Haltestellenart. Graffity. Man baut bisschen rum, es soll schöner werden und grüner. Es gibt die offene Seite mit Blick auf die Kulturkirche und das Schinkel-Denkmal. Ist das noch diese Straße oder schon der Kirchplatz? Die eine Kreuzung gibt fremdelnden Gästen Rätsel auf. Fünf Tage die Woche besonders hier viel Geschäftigkeit. Dann abnehmend. Menschen, Menschen, Menschen. Alle Generationen. Auch Haustiere, ausgeführt. Dann all die Stadtführungen. In der Heidestraße undenkbar.
Für Seethalers Menschen scheint der nächste gut erreichbare Geldautomat bedeutunglos. Ebenso eine Ladegelegenheit für moderne Beweglichkeit. Beides hat die Schinkel. Und mit den Wallanlagen Ausflucht. Andererseits der lockende See! Nein, diese Heidestraße ist hier nicht. Sie ist zwischen zwei Buchdeckeln. Fertig. Ihr lesend zu folgen, sensibilisiert für die eigene Straße und all die Adressen aus Jahrzehnten.
Ursprünglich hieß hier das erste Wegstück Am Canal. Zwei Kasernen galt es zu verbinden. Marschtritt. Pferdeschritt. Der Klappgraben fließt längst unterirdisch. Allein das Feuerwehrhaus von 1927 wüsste sicherlich viel zu erzählen. Das neue auch. Und diese Frau, die ab und zu den Verkehr ablenkt!
Ein offener Bücherschrank wartet im Kunstkiosk. “Die Straße” als insgesamt doch enttäuschter Seethalerfan dort ablegen? Nein, schon wegen der durch die Lektüre angeregten persönlichen Notizen…

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