“Das Rheinsberger Gartenreich” – ein Werk voller Sehnsuchtsorte

Man hat sich längst daran gewöhnt, dass der Zugang zum Schlosspark in Rheinsberg frei ist. Keine Kasse, keine Kontrolle, nur ein paar Hinweise zum Zwecke der Ordnung. Bei Veranstaltungen gelten andere Regeln. Ebenso für feste Einrichtungen im Schloss. Einen Zugang ganz anderer Art und weit hinaus in die Landschaft bietet das eben erschienene Werk “Das Rheinsberger Gartenreich – Sehnsuchtsorte in alten und neuen Bildern”.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Identitätsbewusstsein, Imagepflege und entsprechende Kulturprojekte sind keine Erfindungen des 20. Jahrhunderts. Die Kulturwissenschaftlerin Claudia Sommer liefert ein sehr interessantes Bild von den Bestrebungen, die schönsten Seiten Preußens im ausgehenden 18. Jahrhundert malerisch darzustellen, anschubfinanziert vom Königshaus. Hauptakteur war der Verleger Johann Gottlieb Morino. Einer der unterschiedlichen Schwerpunkte lag in Rheinsberg. Vollendet wurde das Projekt nicht, aber es gibt 38 erhalten gebliebene Werke der beauftragten Künstler.
Detlef Fuchs hat die Erstbegegnung im Jahr 1985 nicht vergessen. “Draußen lagen die Braunkohleberg vor dem Schloss”, erinnert er sich. Im Schloss-Sanatorium brauchte man reichlich Wärme. Er aber stand anlässlich einer Ausstellung zur 650-Jahr-Feier Rheinsbergs im Schloss vor Kunstwerken, die ihn nicht mehr losließen. Sehnsüchte nach einem zauberhaften Gartenreich seien geweckt worden. Zu Recht nennt er das Werk ein “Zauberbuch”. Man muss sich nur darauf einlassen. An Angeboten ist kein Mangel. Katrin Schröder, Landschaftsplanerin und Gartendenkmalpflegerin, hat auch fachkompetent mitgewirkt an diesem Werk, außerdem Leo Seidel als Fotograf. Bei den Feierlichkeiten am 18. Januar 2026 konnte das Werk vorgestellt werden.

Fotokunst im 21. Jahrhundert mit Gespür für Atmosphäre und Spiegelungen.

Um möglichen Missverständnissen vorzubeugen: Was gezeigt wird, ist nicht von der Ausdruckskraft eines Caspar David Friedrich, der 1774 in Greifswald das Licht der Welt erblickte. Manchmal könnte man an Novalis’ Suche nach der Blauen Blume denken. Das Leben von Prinz Heinrich in Rheinsberg bildet das Fundament. Er prägte die Entwicklung und Gestaltung rund ums Schloss und darüber hinaus auf besondere Weise. Erläuterungen von Katrin Schröder und Detlef Fuchs zu den grundverschiedenen Motiven ergänzen die Betrachtung, zuerst historisch ausgerichtet, dann gegenwartsbezogen. Solidität und Begeisterung bieten eine gefällige Abwechslung, auch innerhalb der Passagen.

Eine Brücke aus Knüppelholz mit Handlauf, sicher nicht nur für die Damen.

Es zeugt von besonderer Ironie, mit einem Motiv einzusteigen, das die ganze Schlosspracht zeigt, die Parkherrlichkeit und die Idylle am See, aber keinen Menschen, kein Unkraut, keine Mücke. Tagestouristen haben auch keine Spuren hinterlassen. KI? Künstliche Imagination? Ganz anders das historische Buchmotiv mit Menschen in einem Boot, mit etwas Gärtnerarbeit und Wind in den Blättern. Doch Leo Seidel ist eigentlich ein Künstler. Das Schloss im Nebel und viele andere Fotografien zeigen es. Er weiß sich sogar zu helfen, wenn nichts mehr da ist vom einst Ersehnten – und sei es bloß ein Brücklein.

Keine Brücke mehr da, stattdessen Winterimpressionen in Waldeseinsamkeit
Alle Darstellungen: abfotografiert aus “Das Rheinsberger Gartenreich” von Detlef Fuchs u.a.

Dass der geduldige Gang durchs Werk Wanderlust weckt, ist nicht unwahrscheinlich. Für Naturerkundung am Ort empfiehlt Katrin Schröder schon vorab Wanderschuhe. Und tatsächlich: Das Buch macht Lust auf Erkundung, selbst im Winter. Nur mal schnuppern.
Die Aufmerksamkeit für Grotte, Monument und Heckenformation wird geschärft. Der Blick geht Richtung Karibik oder Fernost. An der Kulturgeschichte jener Epoche wurde schließlich auch am Musenhof von Prinz Heinrich mitgeschrieben. Heiter wird’s, wenn es um Theaterkulisse geht. Um Reste. Kunstgeschichte und Geschichtsprozess kommen ab und zu ins Spiel, ohne zu dominieren. Friedrich der Große wird zur Randfigur, Kriege zur Fußnote. Die Sehnsucht hat hier ganz andere Dimensionen, auch religiöse, also transzendente. Heinrichs intimste Sehnsucht indessen offenbart auch das vielgestaltige Bildwerk der Künstler allenfalls in sublimer Form.
Detlev Fuchs konnte zahlreiche Unterstützer und Unterstützerinnen für das Projekt gewinnen. Die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten spart nicht mit Dank, auch gegenüber dem Kunst- und Kulturverein Rheinsberg. Ob es eine zweite Auflage geben wird, hängt von vielen Faktoren ab. Einer ist gewiss die Resonanz in der Region. Dann das Interesse von Touristen. Eine eingelegte Karte verortet die 38 Objekte im weiten Gefüge der Seen und Fließgewässer, Remusinsel inbegriffen. Ob man schon mal über eine Wanderkarte nachgedacht hat oder ein entsprechendes Onlineangebot? 1400 Gramm sind keine Kleinigkeit. Dann das Wetter. Und die Vögel. Und überall die (neu)gierigen Blicke, schon wegen des Einbandes…

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