Knut Elstermann, mit dem Zweitwohnsitz in Rheinsberg gut beheimatet.
Das Wort vom Weltkrieg kann allzu leicht vergessen lassen, dass sich die Ereignisse an jedem betroffenen Ort, in jeder involvierten Stadt anders entwickelt haben – vom individuellen Leben gar nicht erst zu reden. Was die Prinzenstadt anbelangt, liegt mit “Rheinsberg – Das Jahr 1945” von Knut Elstermann nun ein Werk vor, das trotz der historischen Distanz ganz nah heranführt an die Ereignisse und kein brisantes Thema ausklammert. Das Interesse an der Präsentation in der Remise war außergewöhnlich groß. Zeitzeuginnen, seinerzeit Kinder, konnten auch begrüßt werden von Jörg Möller, dem Vorsitzenden des für das Projekt verantwortlichen Vereins Stadtgeschichte Rheinsberg.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
Auf dem verwitterten großen Findling an der Straße Richtung Zechlinerhütte ist die Schrift verblasst. Man gedenkt dort seit 1975 des “Tags der Befreiung durch die ruhmreiche Sowjetarmee” am 29. April 1945. Gleich daneben liegt der 1947 angelegte Ehrenfriedhof für die in und bei Rheinsberg gefallenen Soldaten der Roten Armee. Was damals in der Stadt geschah, bezeichnet Knut Elstermann zu Recht als äußerst komplex, er unterscheidet Perspektiven, etwa die von Tätern und Opfern und beansprucht für sich nicht, nun die endgültige Wahrheit zu präsentieren, wenn er von der “Tragik jener Tage” spricht. Zum Vergleich wird Neuruppin herangezogen, wo es glimpflicher abging. Dass man in der Brandenburger AfD-Landtagsfraktion den 8. Mai 1945 den “Tag der Vernichtung” nennt, ist in der Remise an diesem Abend kein Thema.
Ein so wirkungsbewusst gestaltetes Buch wie das vorliegende mit Fotografien, Originaldokumenten und persönlichen Aufzeichnungen oder Erinnerungen kann selbstredend mehr als ein Stein, ein Schild, eine Infotafel. Eigentlich hatte sich Peter Böthig, der ehemalige Leiter des Tucholsky Literaturmuseums, ans Werk machen wollen. Doch dann wurde es Knut Elstermann, der sich im Zusammenspiel mit dem Vereinsvorstand der Sache annahm, der recherchierte, Gespräche führte und formulierte. Was er als Autor vermag, zeigten die ausgewählten Textausschnitte. Auf Powerpoint wurde zum Glück verzichtet. Einige der Bilder wollen gerne still betrachtet sein und ungebeamt. Man hält inne, und das kann ein Präsentationsabend schlecht bieten. Bild- und Filmexperte Elstermann weiß das.

Die qualvollen Todesmärsche gegen Kriegsende wurden durch Eindrücke vergegenwärtigt, durch Geräusche, durch Wortbilder. Ein Weg aus Sachsenhausen führte KZ-Häftlinge auch durch Rheinsberg. Später ging es auch um Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen und das Schweigen, das ihr Schicksal in beiden deutschen Staaten aus unterschiedlichen Gründen Jahrzehnte lang verhüllte.
Überschriften wie “Täter und Opfer als Nachbarn” zeigen, dass hier nicht Schönschrift geübt wird. Karl Recke, der Ortsgruppenleiter der NSDAP, rückt in den Fokus. Elstermann bietet verschiedene Sichtweisen der letzten Tage des Krieges an. Einzelne Todesfälle seien nicht eindeutig geklärt, ebenso spätere Grabfunde. Das Kapitel “Die Rache der Sieger” wird nicht bis zum Exzess aufgeblättert, aber Worte wie Erschießung und Vergewaltigung fallen, ebenso die zunehmende Zahl an Suiziden. Das Buch weiß noch mehr, alles weiß niemand. Wie womöglich eigene Vorfahren oder Angehörige seinerzeit involviert waren, kann man heute besser herausbekommen als in jenen Nachkriegsjahren, das ist das Paradoxon.

Fotos: VHS
All die Gäste bekamen das Buch geschenkt. Peter Böthig hat sein Ehrenexemplar schon. Wer die Großzügigkeit möglich machte, wurde von Jörg Möller schon vorab gesagt. Hier sei nur auf die Landeszentrale für politische Bildung hingewiesen, die mit öffentlichen Mitteln förderlich wirkte. Dass man sich bald im Schulzentrum über einen Klassensatz wird freuen dürfen, bleibt zu hoffen. Und in Potsdam könnte sicherlich auch über die Präsentation im Internet nachgedacht werden.
Die Programmatik der AfD in Sachsen-Anhalt und anderen Kampfzonen lässt erwarten, dass Erinnerungskultur anders geschrieben würde, wenn diese Partei mit- oder regierte. Was Knut Elstermann als Autor andeutet, ist schon nach der Veranstaltung zu spüren: Man erlebt diese wunderbare Stadt anders, wenn man mehr weiß über die dunkelsten Tage. Und plötzlich sieht man auf der Rückfahrt ins noch schönere Neuruppin im Stadtteil Gühlen-Glienicke fast verborgen, was mit dem Wort “Todesmarsch” markiert wird, der Wirkungsabsicht dieser Art Häftlingsbild mit rotem Stigma eingedenk. Die Verbrecher der NS-Zeit aber hatten alle Farben im Visier…
