Rembrandts “Musizierende Gesellschaft” und ein Superformat bei AEQUINOX

Eine Bildbetrachtung – musikalisch untermalt? Eine Bildanalyse in musikalischer Hinsicht, dazu Kostproben? Gabriele Lettow räumte bei der Begrüßung ein, selbst nicht genau zu wissen, was die vielen Gäste im Jugendfreizeitzentrum erwarten durften am dritten Tag von AEQUINOX 2026. Was dann kam, ist gar nicht so leicht in Worte zu fassen. Ein Rembrandt würde wohl lieber zum Pinsel greifen. Arbeitstitel: “Staunende Gesellschaft”.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Als Rembrandt van Rijn das Werk “Musizierende Gesellschaft” schuf, war er 20 Jahre jung. Im JFZ hatten die Gäste Gelegenheit, es auf sich wirken zu lassen, noch ehe das erst Wort fiel oder der erste Ton erklang. Für Folkert Uhde als Sprecher und die Musizierenden aus der Lautten Compagney Berlin war es eine Premiere. Dass sie mit einiger Wahrscheinlichkeit auch einen Weg zu Schinkel250 bahnten, wird sie sicher überraschen, sollten sie jemals davon erfahren.

Der Sprecher unbewegt, die Sänegerin wie im Sog des Gemäldes.

Was man sieht, sieht man. Weiß man bald mehr als vorher, etwa über das Leben des Künstlers oder die Lebensverhältnisse in Amsterdam und in den Sieben Niederlanden, hört man etwas von der Entwicklung der Malerei zu Rembrandts Zeit und vom blühenden Kunstmarkt und bekommt sogar sanft intonierte Merksätze des Sprechers in Kapitalismusanalyse mit auf den Weg der Interpretation, Unterpunkt Kolonialismus, tut man gut daran, sich nicht ablenken zu lassen. Uhde hatte weiteres Bildmaterial erster Güte zur Verfügung. Laptop macht’s möglich. `
Und es dauerte ja nicht lang, da war die Sopranistin Tehila Nini Goldstein zu vernehmen und zu bewundern. Begleitet wurde sie an der Flöte von Yeuntea Jung, an der Harfe war Margret Köll zu hören. Spielleiter Wolfgang Katschner spielte seine geliebte Laute, Daniel Trumbull das helle Cembalo und Vladimir Watham seine Viola da Gamba. Es wurde unaufdringlich musiziert, fast wie privat, also ganz wie wohl in jener Gesellschaft. Falls es nicht schlichtweg um Täuschung geht. Uhde wusste zu berichten, wie weit die Hypothesen der Deutenden auseinander liegen. Kostproben gefällig, soweit notiert? Hurerei mit einer alten Kupplerin. Ein Fall von gutbürgerlicher Hausmusik. Irgendeine Geschäftemacherei, die der Vernebelung durch tugendhaftes Spiel bedarf. Und: Eine Angebetete unter strenger Obhut. Ein Freund Rembrandts ist an der Harfe zu erkennen. Also? Also weiter mit Gesang!

Zum Ausklang erloschen die Lichter auf dem zweiten Gemälde.
Fotos: VHS

Der musikalische Bogen war weit gespannt. Protestantische Glaubensbekundungen waren zu hören, dann romantische Schwärmereien, Fern- und Heimweh sprach sich aus, Geld- und Goldlob und – natürlich in einem JFZ im Jahr 2026 nicht ohne Vorwarnung – schlichtweg Penetrantes, “My Man John” entkleidet. Die Sängerin schüttelte sich. Schön gespielt. Überhaupt gab sie mehr als nur Untermalung der in wechselnden Bildern präsentierten Welt der Rembrandt-Zeit. Dagegen übten sich die Instrumentalisten in Zurückhaltung. Eine kösliche Einlage gab Yeuntae Jung, indem er auf Zögling machte, der die bekannte Luther-Melodie zu “Ein fein Lied vom Geld” als Hausaufgabe hatte. Schrecklich schön, solches Misslingen! Viel Gelächter! Und am Ende tosender Applaus. Vorab war den Gastgebern bereits herzlich gedankt worden. AEQUINOX hat ein weiteres Format. Bis 2031 muss man nicht warten mit dem nächsten audiovisuellen Konzert.

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