Halbstundentakt in weiter Ferne? Der RE6 ist die wichtigste Bahnverbindung zwischen Neuruppin und Berlin. Ein alternierender Halbstundentakt über Kremmen und Oranienburg könnte die Region deutlich besser anbinden. Foto: macron
Neuruppin ist Kreisstadt, Verwaltungszentrum und bedeutender Justizstandort im Nordwesten Brandenburgs. Bei der Bahnanbindung an Berlin wird die Stadt dennoch deutlich schlechter behandelt als vergleichbare Zentren. Landrat Ralf Reinhardt will deshalb erneut für eine kurzfristige Lösung kämpfen: Ein Halbstundentakt des RE6, der abwechselnd über Kremmen und Oranienburg führt.
Von macron
Neuruppin ist nicht irgendeine Kleinstadt am Rand des Landes. Die Fontanestadt ist Kreisstadt und Verwaltungssitz des Landkreises Ostprignitz-Ruppin, Mittelzentrum und regionaler Wachstumskern. Im Justizzentrum befinden sich das Landgericht und die Staatsanwaltschaft; hinzu kommt das Amtsgericht in der Karl-Marx-Straße. Der Zuständigkeitsbereich der Neuruppiner Justiz reicht weit über den Landkreis hinaus und umfasst auch Teile der Prignitz, Oberhavels und der Uckermark.
Ein solcher Standort braucht eine leistungsfähige Verbindung zur Bundeshauptstadt. Tatsächlich fährt der RE6 jedoch lediglich einmal pro Stunde von Neuruppin über Kremmen, Velten und Hennigsdorf nach Berlin-Charlottenburg. Wer in den Berliner Norden, nach Gesundbrunnen oder zum dortigen Fernverkehr möchte, muss unterwegs oder innerhalb Berlins in die S-Bahn umsteigen. Der VBB bestätigt für den gesamten RE6 weiterhin lediglich einen Stundentakt.
Was würden Brandenburg und Eberswalde dazu sagen?
Wie ungewöhnlich diese Situation für ein bedeutendes Verwaltungszentrum ist, zeigt der Vergleich mit Brandenburg an der Havel und Eberswalde.
Brandenburg an der Havel ist über den RE1 direkt mit Potsdam und Berlin verbunden. Tagsüber verkehren auf der Strecke in der Regel zwei Züge pro Stunde, während der Hauptverkehrszeit montags bis freitags sogar bis zu drei. Der RE1 fährt regulär nicht nur an den Berliner Stadtrand, sondern über Wannsee, Charlottenburg, Zoologischen Garten und Hauptbahnhof weiter durch das Zentrum. Wegen der gegenwärtigen Bauarbeiten auf der Berliner Stadtbahn enden einige Verbindungen vorübergehend früher – das grundsätzlich dichte Angebot bleibt jedoch bestehen.
Auch Eberswalde verfügt über zwei direkte Regionalverbindungen nach Berlin. Der RE3 fährt stündlich über Bernau und Berlin-Gesundbrunnen in die Hauptstadt. Zusätzlich verbindet die ebenfalls stündlich fahrende RB24 Eberswalde mit Berlin-Hohenschönhausen, Lichtenberg, Ostkreuz und dem Flughafen BER. Damit bestehen von Eberswalde aus im Tagesverkehr zwei direkte Fahrtmöglichkeiten pro Stunde in unterschiedliche Teile Berlins.
Landrat Ralf Reinhardt bringt das Missverhältnis mit einer einfachen Frage auf den Punkt:
„Was würden die Bürgerinnen und Bürger in Brandenburg an der Havel oder Eberswalde sagen, wenn sie, um nach Berlin zu gelangen, in die S-Bahn umsteigen müssten – so wie die Neuruppinerinnen und Neuruppiner derzeit, wenn sie nach Gesundbrunnen wollen?“
Die Antwort dürfte klar sein: Auch dort würde eine solche Verbindung nicht als angemessen angesehen werden.
Drei Direktverbindungen für Oranienburg
Besonders deutlich wird die Ungleichbehandlung beim Blick nach Oranienburg. Von dort führen derzeit gleich drei Regionalbahnlinien direkt nach Berlin.

Quelle: https://www.bahnhof.de/oranienburg/fahrplan
Der RE5 verbindet Oranienburg im Stundentakt unter anderem mit Berlin-Gesundbrunnen, Hauptbahnhof und Südkreuz. Die RB12 fährt ebenfalls stündlich über Berlin-Hohenschönhausen und Lichtenberg nach Ostkreuz. Hinzu kommt seit Ende April 2026 die RB32, die Oranienburg stündlich über Ostkreuz und den Flughafen BER mit Ludwigsfelde verbindet. RB12 und RB32 ergeben zusammen bereits zwei Regionalzugverbindungen pro Stunde zwischen Oranienburg und dem Berliner Osten. Zusätzlich steht den Fahrgästen die S-Bahn-Linie S1 zur Verfügung.
Niemand bestreitet, dass Oranienburg als Kreisstadt und wichtiger Pendlerstandort eine gute Bahnanbindung benötigt. Es geht auch nicht darum, die Fahrgäste dort gegen die Menschen in Neuruppin oder der Prignitz auszuspielen. Die Frage muss aber erlaubt sein, ob eine Stadt dauerhaft drei direkte Regionalverbindungen nach Berlin benötigt, während eine ganze Region mit einer einzigen stündlichen Linie auskommen soll.
Eine gerechte Verkehrspolitik darf nicht bedeuten: alle verfügbaren Verbindungen für einen Standort. Sie muss die Bedürfnisse der gesamten Region berücksichtigen.
Ein Halbstundentakt wäre kurzfristig möglich
Reinhardts Vorschlag setzt genau an diesem Punkt an. Der RE6 könnte im Halbstundentakt aus Neuruppin abfahren, wobei die Züge abwechselnd über die Stammstrecke via Kremmen und über Löwenberg und Oranienburg nach Berlin geführt würden. Damit würden unterschiedliche Berliner Ziele direkt erreicht und zugleich zwei Strecken zur Anbindung des Nordwestens genutzt.
Dass eine Führung des RE6 über Oranienburg grundsätzlich möglich ist, hat der zeitweilige Umleitungsverkehr bereits gezeigt. Bis Anfang 2026 wurde der Prignitz-Express wegen Bauarbeiten über Löwenberg und Oranienburg nach Berlin geführt, bevor er wieder auf seine angestammte Strecke über Kremmen zurückkehrte.
Reinhardt erklärt dazu:
„Für Oranienburg würde mit dem RE6 nach Gesundbrunnen ja keine der Direktverbindungen entfallen, sondern „nur“ der Zielbahnhof und Laufweg geändert – von Lichtenberg, Ostkreuz, BER weg und dafür nach Gesundbrunnen hin. Dies wäre deshalb auch vertretbar, da der RE5 ab Hauptbahnhof als FEX zum Flughafen direkt von Oranienburg durchfährt. Damit wäre auch die Direktverbindung zum Flughafen für Oranienburg weiterhin erhalten und die Frage darf gestellt werden: was verliert Oranienburg mit dieser Variante wirklich oder ist nicht die zweite Direktverbindung nach Gesundbrunnen eher sogar ein Gewinn? Dies wäre eine Möglichkeit, den Halbstundentakt alternierend über Kremmen und Oranienburg zeitnah zu realisieren.“
Es geht also gerade geht nicht darum, Oranienburg vom Regionalverkehr abzuhängen. Gleichzeitig könnten Neuruppin, Wittstock, die Prignitz und große Teile des Landkreises Ostprignitz-Ruppin endlich von einem halbstündlichen Angebot und einer direkten Verbindung nach Berlin-Gesundbrunnen profitieren.
Nicht erst nach 2030
Die bisherige Perspektive des Landes reicht vielen Menschen in der Region nicht mehr aus. Nach den aktuellen Planungen soll der RE6 weiterhin stündlich fahren. Eine Verlängerung der RB55 von Kremmen bis Neuruppin West wird zwar angestrebt, allerdings erst ab Ende 2030. Damit würde die Region noch mehrere Jahre auf eine spürbare Verbesserung warten.
Gerade vor dem Hintergrund der Diskussion über mögliche Kürzungen im Regionalverkehr wäre das das falsche Signal. Wer von den Menschen verlangt, häufiger auf das Auto zu verzichten, muss ihnen eine zuverlässige und konkurrenzfähige Alternative anbieten. Ein Zug pro Stunde, verpasste Anschlüsse und zusätzliche Umstiege reichen dafür nicht aus.
Ralf Reinhardt will den Vorschlag deshalb bei seinem nächsten Treffen mit Brandenburgs Verkehrsminister Robert Crumbach noch einmal ausführlich erläutern. Entscheidend wird sein, ob das Ministerium bereit ist, die vorhandenen Verbindungen nicht nur aus der Perspektive einzelner Strecken und Städte zu betrachten, sondern als gemeinsames Netz für das ganze Land.
Denn eine solidarische Verkehrspolitik folgt nicht dem Prinzip „alle für einen“. Sie muss dafür sorgen, dass eine vorhandene Verbindung im Zweifel auch einmal der gesamten Region zugutekommt: Einer für alle.
