Rohe Gewalt, bösartige Brandstiftung, Sachbeschädigung und Demütigung prägten die Nacht der NS-Pogrome am 9. November 1938 in ganz Deutschland. Das Gedenken daran in der Klosterkirche gemeinsam mit dem Berliner Synagogal Ensemble zu gestalten, verändert die Blickrichtung: Jüdische Religiosität rückt in den Mittelpunkt. Ein Konzert ohnegleichen!
Von Volkmar Heuer-Strathmann
Pfarrer Thomas Klemm-Wollny stellte die Erinnerung an jüdische Familien aus Neuruppin an den Anfang der gut besuchten Veranstaltung. Die Leidensgeschichten sind gut dokumentiert. Jedes Beispiel berührt. Doch statt aus den Verbrechen Klagemusik werden zu lassen, entführt das Synagogal Ensemble Berlin in die Welt der lebendigen Synagogen, des Gemeindelebens, der Liturgie, Psalmen inbegriffen. Matthias Noack erwies sich als ein sicherer Begleiter an der Orgel und am Elektropiano.
Für diesen Auftritt hat Dirigentin und Initiatorin Regina Yantian vor sich die Sopranistinnen Lea Kohnen un Liza Steinbock, den Tenor Berk Altan, den Bass Alexander Konieczka und als Altstimme Diana Kantner. Bei diesem Berliner Ensemble ist der Wechsel die Regel. Das mag einer der Gründe für die wunderbare Lebendigkeit sein. Als Solistin hätte Lea Kohnen in einem Konzert der üblichen Art sicher viel Applaus bekommen. Ihre Imagination einer russischen Synagoge durch ihr “Schomer Jisroel” von Samuel Alman bewegt zutiefst. Sie brennt für den Glauben. Müssen Worte wie “Nation” und “Überrest” die Erde brennen lassen?

Foto: VHS
In der Klosterkirche herrschte andächtige Aufmerksamkeit. Applaudiert wird erst am Ende, dann aber umso mehr. Textblätter verkleinern die Sprachhürden ein wenig, etwa wenn “Chischki Chiski” von Abramahm Casers aus den Niederlanden angestimmt wird oder “Ja’ale” von Wolf Schestapol aus der Ukraine erklingt, beides ehrfürchtige Gebete der Jüdinnen und Juden.
Werke des deutsch-jüdischen Komponisten Louis Lewandowski bilden einen Schwerpunkt, ohne allzu viel Schwere. Fröhlicher Gesang öffnet die Tür der Synagoge, mit andächtigem Gesang beginnt der Schabat, hymnischer Gesang fein verwobener Stimmen erklingt, um Worte des Gottvertrauens zu offenbaren. Bleibt Israel, bleibt “Jeruschalaim Schel Sahaw” – mit einer Geige im Mittelpunkt. Kein Streicher in Sicht. Also singen die unaufgeregt dirigierten Sängerinnen und Sänger, als hätte Naomi Schemer gedichtet: “Jerusalem aus Gold, aus Kupfer, Licht und Stein, lass mich für alle deine Lieder die Stimme sein.” Standing Ovations! Blumengebinde! Zugabe!
Der Pfarrer aber ließ die Versammelten nicht ohne Mahnung raus aus dem Gotteshaus. Natürlich weiß er, dass auch die sogenannten Deutschen Christen nicht erst 1938 schwere Schuld auf sich geladen haben. Der Gefährdung der Demokratie engagiert entgegenzuwirken, das war sein Appell als Christ und sein Wunsch: “Shalom!”

