Paris zur Zeit von Prinz Heinrich, gemalt von Nicolas-Jean-Baptiste Raguenet. abfotografiert bei Wikipedia, der Internetplattform im Geiste Diderots.
Im Geiste eines Satirikers wie Kurt Tucholsky in Rheinsberg an den 300. Geburtstag eines Prinzen wie Heinrich von Preußen zu erinnern, das ist eine echte Herausforderung. Peter Graf entschied sich als Verantwortlicher im Tucholsky-Literaturmuseum dafür, mit Denis Diderots Schrift “Rameaus Neffe” einen Blick auf das 18. Jahrhundert zu werfen. Den Gästen wurde nicht wenig abverlangt, aber auch viel geboten.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
Revolution ist noch nicht. Leider. Aber die Aufklärer rühren sich. Einer von ihnen ist Denis Diderot. Berühmt wurde er durch die Arbeit an der ersten großen Enzyklopädie. Die königliche Zensur schlug zu. Bloß keine Volksbildung! Sonst sind die Edlen erledigt. Peter Graf erläuterte, inwiefern Prinz Heinrich von den Entwicklungen in Frankreich erfahren haben könnte. Dass er von der Satire “Rameaus Neffe” Kenntnis bekam, ist eher unwahrscheinlich. Sie entstand zwischen 1761 und 1775. Johann Wolfgang von Goethe übersetzte sie erst 1805. Aber am Hofe sprach man ja Französisch. Und Melchior Freiherr von Grimm mühte sich redlich, einzelne Regenten in Kenntnis zu setzen über die Turbulenzen. Graf spricht von Newsletter, ließ aber offen, wer was wusste.

Foto: VHS
Eigentlich sollte irgendein bekannter Schauspieler aus Berlin das Werk darbieten. Der musste absagen. Unpässlich. Dabei hätte ein elender Zustand eigentlich sehr gut zum Werk gepasst, aber eben nicht zu den Gepflogenheiten der zivilisierten Gesellschaft. Also las Graf selbst und erläuterte ein wenig. Ein Philosoph und ein Außenseiter geraten in ein Gepräch. Der Unangepasste steht eigentlich nackt da. Hat nichts erreicht, nichts ist in Sicht. Richtig unglücklich ist er nicht. Nur manchmal. Gerne wäre er erfolgreich. Wie sein Onkel, der Komponist Rameau. Gerne wäre er gut. Aber das läuft nicht. Schön, dass er sich offenbart. Schön für den Philosophen. Beide kennen die Heuchler, Versager, Betrüger, Verführer, Großsprecher und Halunken. In Lumpen und in teuren Tüchern. Was der Mensch an sich vermöchte, weiß der Philosoph. Er ist belesen. Er hat Kontakte. Racine und Rousseau und so. Man teilt Visionen. Ist’s Diderot selbst, der hier spricht? Er nervt zumindest nicht mit Kategorien und Imperativen. Er ist ja auch kein Engel. Er lässt sich ein. Spöttelt selbst gelegentlich. Hat Spitzen auf Lager, spart sich die wichtigsten Lektionen jedoch auf.
Wär’s ein Stück Hoftheater, wär’s im Geiste Tucholskys schön weiterzuentwickeln. Mehrstimmig. Mittendrin: Heinrich. Aber das Geburtstagsjahr fängt ja erst an. Mit Tucholskys Augen wird man sicher alles gut beobachten, ein bisschen mitmischen, was auftischen, aber die Regie der Großartigkeit ist nicht im Tucholsky Museum angesiedelt. Sonst würde man sicher auch fragen, wie 1976 in der DDR an 250 Jahre Prinzenherrlichkeit erinnert wurde. Vermutlich gar nicht. Der Feudalismus als Ganzjahresthema im realen Sozialismus? Ist man jetzt in der reaktionären BRD oder was? Rhein oder Rhin, das macht den Unterschied.
Peter Grafs Darbietung wurde von den Gästen mit anerkennendem Applaus bedacht. Er hatte es gewagt, Klarsicht und Irrsinn, Klugheit und Irrwitz, authentische Rede und redselige Rhetorik gegenüber zu stellen. Und sich dabei selbst zu beherrschen. Das war wagemutig! Einfach lobenswert! Und stimmlich extrem angenehm.
