Die Neue Wache in Berlin – eine Gedenkstätte von besonderer Intensität.
Sieben Worte – ein Hammerschlag: “Modernistische Traditionsbrüche und traditionslose Experimente sind unzulässig.” Das wolle der Landtag von Sachsen-Anhalt beschließen, so die AfD-Fraktion im Januar 2025. Der lateinisch aufgeladene Satz steht in einem Antragspapier mit dem Motto: “Schöner bauen! Architektur braucht Tradition.”
Von Volkmar Heuer-Strathmann
Aus dem Ansinnen wurde nichts. Aber das könnte sich ändern ab Spätsommer, wenn in Sachsen-Anhalt zur Urne gerufen wird. Man möchte seitens der AfD, dass bei einem staatlichen Bauprojekt durch eine Richtlinie vorgegeben wird, dass die “Baumaterialien hohe Langlebigkeit aufweisen”. Wer wollte da widersprechen? Oder bei der Forderung von Einbindung der Öffentlichkeit? “Schönheitsempfinden der Mehrheit der Bevölkerung” wirkt allerdings sehr vage. Hat die populistische AfD als Votumsberechtigte die gesamte betroffene Einwohnerschaft entdeckt? Vermutlich nicht, vermutlich geht es um die deutsche Staatsbürgerschaft und die Berechtigung zur Stimmabgabe.
In der Schinkel-Gesellschaft lässt natürlich der folgende Passus besonders aufhorchen: “Das Bauprojekt muss darlegen und erkennbar plausibel machen, in einer bestimmten anerkannten Bautradition zu stehen, wobei für staatliche Bauten mit Repräsentativfunktion der preußische Klassizismus empfohlen wird.” Als Beispiele werden Gerichte, Ministerien, Rathäuser, Theater und Bibliotheken genannt. Der Hammerschlag folgt unmittelbar darauf.

Fotos: VHS
Preußischer Klassizismus? Da könnte es womöglich hilfreich sein, die denkwürdige Begegnung von Tradition und Moderne in den Blick zu nehmen, wie sie sich in der von Karl Friedrich Schinkel geprägten Neuen Wache in Berlin heute den Gästen darstellt.
Im Jahr 1988 erschien im Militärverlag der DDR ein Werk, das die Entstehung und Geschichte des Schinkel-Baus in den Blick nimmt. Demnach hatte die Neue Wache tatsächlich eine wichtige militärische Funktion im Staate Preußen. Ein Foto zeigt die entfesselte Mobilmachung in Berlin im Sommer 1914 entlang der Straße Unter den Linden, also auch vor der Neuen Wache. Noch vor 1933 wurde aus der Neuen Wache eine Gedächtnisstätte für die Gefallenen des Weltkrieges. Die Autoren sparen 1988 nicht mit kritischen Hinweisen zum preußischen Militarismus. Ab 1962 hieß es auf der Seitenwand: “Den Opfern des Faschismus und Militarismus”. Und im Oktober 1969 war eine längst fällige Rekonstruktion abgeschlossen. Seit 1993 ist die Neue Wache die zentrale Gedenkstätte in Deutschland für die “Opfer des Krieges und der Gewaltherrschaft”. Weit gefasst. Im Mittelpunkt des Andachtraumes steht eine vergrößerte Replik von Käthe Kollwitz’ Werk einer Mutter mit ihrem toten Sohn. Es wirkt modern, aber nicht modernistisch. Die Stille ist ergreifend. Die Leere, das Licht – ein Tempel von höchster Würde. Und der preußische Schinkelbau ist eben selbst Teil des Gedenkens.
Ob das Haus bei einer Volksabstimmung diese Gestalt und diese Botschaft behielte? Öffentliche Kunst und Baukultur unter Bedingungen der Partizipation – ein ganz großes Thema und in keiner Weise Erfindung der AfD. Aber gern aufgegriffen, zumal es außer um Ressentiments auch um Gelder geht.
In der FAZ hat der nicht als linksgrün bekannte Hegel-Experte Jürgen Kaube eben erst skizziert, wie kopflos das Kulturverständnis der AfD wirkt. Und wie fragwürdig die deutschtümelnden Versuche, die beklagte “Identitätsstörung” zu heilen. Die “patriotischen Tourismusprogramme” der deutschalternativen Reise-Führer sollen vermutlich nicht zu Preußenbauten wie der Neuen Wache in heutiger Andächtigkeit und Weltoffenheit führen eingedenk menschliches Leidens…
