Gelb allein macht nicht glücklich

Wo ist eigentlich das gute alte Postamt geblieben? An seine Stelle sind Paketshops, Kioske und Postagenturen getreten. Eine ebenso persönliche wie augenzwinkernde Betrachtung über gelbe Ämter, träge Briefträger, italienische Wortwurzeln und die Frage, ob mit dem Postamt vielleicht doch mehr verschwindet als ein Schalter.

Von Malina Aniol

Postamt. Schon der Name ist antiquiert. Es plappert da so eine Ahnung von Trägheit und robusten Beamten, die sich ihrer Rolle sicher sind: Nämlich mit Gemach, aber eben doch mit einer gewissen Zielstrebigkeit, die so eine offizielle Aufgabe mit sich bringt, die Überbringung von Nachrichten aufrechtzuhalten. Mitunter kennen wir ihre Repräsentanten der Außenstelle, die Briefträger – ja, die Trägheit steckt hier schon auf ganz angemessene Weise im Namen – als muntere, vielleicht auch etwas mürrische Zeitgenossen. Sie haben allerdings einen weltgewandten Weitblick, mit dem sie durch die Straßen ziehen, der ihren Kollegen so gänzlich zu fehlen scheint. Nix da Diplomatie, die Internen werden nicht für Etikette bezahlt, sondern für korrekte Abläufe.
So stell ich’s mir jedenfalls vor: Ein im gottgleichen Gelb erstrahlendes Amt habe ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr aufgesucht. Ich bin mir meiner Schuld bewusst. Der letzte von mir versendete Brief ist bestimmt noch unter Einwirkung eines elterlichen Blicks verfasst worden, meine Postkarten schmiss ich zuletzt selbst ein – Outsourcing, das mitunter durch bessere Planung hätte vermieden werden können – und Briefumschläge sammle ich als Memorabilia vergilbt zwischen anderen ungenutzten Schreibmaterialien. Wer hätte schon ahnen können, dass meine Schreibfaulheit am Untergang meines Lieblingsstandes mitarbeitet? Ja, so ist das mit dem Kollektivversagen: Man setzt auf die anderen, die man eigentlich nicht für vernünftiger hält, aber in diesem einen Belang werden sie’s schon besser machen. Jetzt gibt es also zumindest in Neuruppin schon seit einer Weile kein altehrwürdiges Amt mehr. Backsteinhaus mit imposantem Aufgang und Straßenschild erinnern an den historischen Ort.
Stattdessen gibt es jetzt die vielen kleinen Inseln, wo sich zwischen überteuertem Alkohol, wenn man’s gut erwischt, gibt’s auch ein paar Schokoriegel, Paketberge türmen. Je nach Ausstattung und Vertrag werden nützliche und ehemals hoheitliche Postaufgaben übernommen, wie Identitätsüberprüfung oder das Übermitteln von Einschreiben. Was da früher also mal höchst bürokratisch, aber immerhin doch gebündelt an einem Fleck, nämlich dem Postamt, geschah, verteilt sich heute ganz dynamisch auf verschiedenste Anbieter und Mini-Pöstchen in Form von Spätverkauf, Kiosk oder Lottoladen, wobei diese meist in spannenden Hybridversionen auftauchen. Glanz und Gloria fehlen in diesen kalt ausgeleuchteten Ein-Raum-Filialen. Das warme Gelb wirkte doch so einlullend, dass sich in mir wider besseres Wissen immer ein Gefühl des Vertrauens ausbreitete.

Gelb geblieben, aber ganz schön in Bewegung: Die Post hat sich vom behäbigen Amt zum mobilen Dienstleister gewandelt.
Foto: Peter Dyllong www.pexels.com


Hier ist wichtig, dass unser vielleicht so deutsch klingendes Wort vor langer Zeit seinen italienischen Klang durch ein letztes A verlor: posta – der festgesetzte Punkt. Später dann die Bezeichnung für den Vorsteher einer Station zum Pferd- oder Botenwechsel. Wortwörtlich ist die Post also statisch, unbeweglich und passt somit wirklich nicht zum Spirit der hyperflexiblen Postmoderne (no pun intended). Statt eines Beamten begegne ich jetzt den so mysteriös klingenden Postagenten – ein Name der 007-Assoziationen und inzwischen auch das Universum der KI-Agenten auf den Plan ruft, alles etwas weniger amtlich, etwas mehr Hightech in einer irgendwie eingestaubten Branche.
Dabei hielt die Post uns doch lange Zeit in Atem – zumindest wer Französisch spricht, konnte diesen Eindruck bei der tube pneumatique im Gegensatz zu unserem verrostet anmutenden Vokabular der Rohrpost gewinnen. Schon im 19. Jahrhundert wurden hier Nachrichten durch die Luft katapultiert (so jedenfalls meine laienhafte Vorstellung), brachten erst Nachrichten zu Börsen und dann von Tür zu Tür. Post, das war technische Revolution und immer eng an den Kapitalismus geknüpft. Kein Wunder also, wenn jetzt im Zuge von Privatisierung und Gig-Economy Vereinzelungstendenzen auftauchen. Und vielleicht erfüllen sich bald ja auch die Drohnenpost-Träume. Vielleicht ja sogar mit programmiertem mürrisch-munterem Lächeln?
Alles keine Katastrophe. Ich werde hinwegkommen über den Gelbverlust in den Innenstädten und mich manchmal ganz klammheimlich auch freuen über die Attitüdenlosigkeit der neuen Postagenten. Nur: Vielleicht ist es auch noch nicht so weit. In Nachbarländern wie Frankreich sollen Postboten nun im Hitzeschutz mitwirken, nach besonders gefährdeten Leuten auf ihren Touren schauen. Eben weil sie, vielleicht ja auch dank wirtschaftswiderständiger Trägheit, das Vertrauen der Bevölkerung haben. Und auch mein letzter posttechnischer Spätibesuch während eines Florenzbesuchs hat nichts von unpersönlicher Dynamik. Nein, zusammen warten wir zu etwa zehnt zusammengedrängt in einer sich vor Hitze kräuselnden Schlange. Jeder Kunde wird zwar nicht gewissenhaft, denn Kopien fehlen und falsche Services werden verbucht, aber so doch zumindest mit der altbekannten Gelassenheit behandelt. Nach vierzig Minuten des Bewunderns umliegender Stifte und Kisten sowie Plansch-Accessoires bin ich an der Reihe, kurz vor Ladenschluss, der in alter Manier sicherlich auf die Minute eingehalten wird. Ich habe den Posten gehalten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Auch interessant