Demokratie und Religiosität – eine brisante Debatte im Politischen Salon

Der Soziologe Hartmut Rosa ist überzeugt davon, dass Demokratie der Religion bedarf. Also der Religonen. Also der Religiosität. Im Politischen Salon war vor dem Hintergrund dieser Haltung eine Debatte zu erleben, die von der Frage geprägt wurde, wie Gräben überwunden werden könnten. Oder eher vertieft? Lebendiger kann eine Auseinandersetzung mit Grundsatzfragen, die von persönlicher Bedeutung sind, sicher kaum sein.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Wilfried Silbernagel präsentierte als Impuls eine ARD-Andacht der evangelischen Pastorin Annette Behnken. ARD? Da könnten manche Menschen in der BRD im Jahre 2025 vermutlich schon ausrasten. Um das Gift im Alltag, um gezielte Vergiftung und um Hass und Hetze, vor allem in den sogenannten sozialen Medien, geht es der besorgten Seelsorgerin. “Unsere weichen Seiten sind unsere Stärke”, sagt sie am Ende. Im Glauben liege eine Umarmung, wie sie nur von Gott gewährt werden könne. Die sanfte Stoßrichtung ist klar. Martin Cron erinnerte daran, dass Hartmut Rosa allgemeiner ansetzt. Das Christentum ist schließlich nur eine der Weltreligionen und selbst weit aufgefächert. Vielfalt unfasst viel, wenn es um den Glauben geht. Sich religiös zu begreifen, aber aus dem eigenen Glauben kein Dogma für andere und kein Privileg für sich und Gleichgesinnte abzuleiten, ist demnach von substanzieller Bedeutung in der Demokratie. Artikel 4 des Grundgesetzes garantiert Religionsfreiheit. Die Freiheit von Religion ist darin impliziert.
Ein Exkurs führte in die NS-Zeit und zur Entwicklung von Bekennender Kirche und den Deutschen Christen. Ein abendfüllendes Thema, allein schon durch den Versuch führender Theologen in Eisenach, das Neue Testament zu “entjuden”. Ein Rekurs bezog sich auf die Zeit der deutschen Teilung, hier primär auf die DDR und die kirchenfeindliche Politik der SED. “Religion ist Opium des Volkes”, hatte Karl Marx, selbst jüdisch geprägt, apodiktisch notiert. Ein weiteres abendfüllendes Thema, allein schon wegen der Dominanz der Unionsparteien in der BRD bis 1969. Otto Wynen, selbst katholisch sozialisiert und als junger Mann doch auch revolutionären Ideen nicht abhold, war als Moderator voll gefordert.

Welt, Mit- und Umwelt anders erleben durch tiefe religiose Inspiration?
Fotos: VHS

Wilfried Silbernagel erzählte von seinem Weg, also vom Kirchenaustritt, vom späteren Wiedereintritt ehehalber und von der Kraft, die ihm seit 15 Jahren aus dem Buddhismus zuwächst. “Siddartha” von Hermann Hesse lasst grüßen. Silbernagels Lehrmeister geht also mit Menschen, die vermutlich oder gesichert AfD wählen um wie mit allen – also rein menschlich? Ob die besagte Pastorin auch so weit gehen würde? Eher nicht. Klargestellt wurde auch, dass es nicht darum gehen könne, vor lauter Spiritualität die fundamentalen politischen Differenzen zu überdecken. Sie liegen im Völkischen, krass kontrastiert mit dem Universalen des Glaubens. Mensch ist Mensch. Und doch krass verschieden, insbesondere im Banalen. Im Zusammenleben. Im Treppenhaus. Beim Shoppen. Irgendwo. Überall. Was, wenn die erklärten AfD-Sympathisanten eigentlich sympathisch sind, hieß eine heiße Frage. Und ob die Menschen der Moderne doch mehr Führung wünschen? Was Fundamentalisten sicher zu nutzen wüssten.
Hartmut Rosa hätte es bestimmt gefallen, was hier entfesselt wurde an Gedanken, noch ohne die Rückkehr zum Rituellen, aber nicht ohne ein weites demütiges und doch zum Handeln animierendes religiöses Weltverständnis. Die Schöpfungsgeschichte wird schließlich von den Menschen weitergeschrieben. Oder war schon mal von “gottgewollter Klimakrise” irgendwo die Rede – politisches Klima inbegriffen?

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