Mit Katerina Poladjans Lesung aus ihrem Roman “Goldstrand” ging das Europäische Literaturfest Brandenburg ins zweite Wochenende. In der Siechenkapelle entwickelte sich ein angeregtes Gespräch zwischen der Autorin und Nadine Kreuzahler als Moderatorin. Hat man das Buch bereits gelesen und danach aus der TAZ erfahren, in diesem Werk gebe es “keine überflüssige Zeile”, ist die Aufmerksamkeit natürlich besonders groß. Die Moderatorin wirkte ähnlich begeistert.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
“Verspüren Sie manchmal den Drang, all diese Dinge wegzuwerfen?”, fragt die Dottoressa ihren Patienten. Die Erinnerungen sind nicht gemeint. Es geht im fünften Monat, also wohl etwa in der vierzigsten “Sitzung”, mal kurz um Gegenstände von persönlicher Bedeutung: Post, Fotografien, alte Zeitungen und eine “kleine goldene Dose mit vier Milchzähnen”. Durch solche Hinweise wird ein weiter Assoziationsraum geöffnet. Doch der Fall Elias Fontana – so heißt er nun mal – ist interessant genug, um sich nicht in Gedanken an eigene symbolisch aufgeladene Erinnerungsstücke, psychoanalytisch verstanden, zu verlieren.
Eli ist Regisseur. Fast sechzig. Lebt in Rom. Sucht Hilfe. Suchthilfe ist es nicht. Eine Diagnose liegt nicht vor. Die Autorin spricht von einer “Lebenskrise”. Ob eine Künstlerkasse das zahlt? Der Abend begann, wie der Roman, mit einer Filmszene. Das Wort “Schnitt” hat Signalwert. Spulen wir nochmal kurz zurück. “Also”, steht ganz am Anfang. Punkt. Da hebt also jemand an. Will erzählen. Will Aufmerksamkeit. Hier gegen Geld. Ganz am Ende ist Eli nackt. Geht ins Wasser. “Er stößt sich vom sandigen Grund ab und schwimmt.” Katerina Poladjan spricht im Siechenhaus von einem offenen Ende. Dass sie ihren Helden mag, trotz all der Schwächen, Macken und Makel, betont sie. In der Tat lebt das Werk nicht etwa von Männerhass. Das Wort “Narzissmus” fällt. Wie sehr Männer mit narzisstischer Störung die Welt derzeit missbrauchen, wird im Gespräch angedeutet. “Europa auf der Couch”, hat sich die Moderatorin notiert. Im Gespräch wird Weltgeschichte nur berührt, nicht auf vermeintliche Geni(t)alitätspotenz reduziert. Man taucht mit Elis “freier Assoziation” in seinen sehr prosaischen Erinnerunsgsstrom ein.

Fotos: VHS
Einen Familienroman könnte man das Werk durchaus nennen. Einen Künstlerroman ebenso. Und schon durch die (filmische und zugleich familiengeschichtliche) Eröffnung mit einer Flucht aus Odessa im Jahre 1922 ist man sofort in Prozessen von globaler Bedeutung. Die UdSSR wurde 1922 gegründet. Ein autoritäres Staatengefüge aus dem Geist der Befreiung. Der “Goldstrand” in Bulgarien, so die Autorin, sei zur DDR-Zeit Urlaubsparadies gewesen. Also gerne herbeigeträumt, aber schwer zu erreichen für die Masse, für die Menschen in den realsozialistischen Kleinfamilien. Deshalb heute der Hass im Osten auf die Letzte Generation und Weltliebende ähnlichen Kalibers?
Poladjan selbst lebt seit 1979 in der BRD. Sie kam in Moskau zur Welt. Eli wurde auf einer Baustelle gezeugt. Als Architekt hatte der Vater mit dem Projekt “Goldstrand” zu tun. Als Touristin aus dem Westen konnte Katerina Poladjan genau dort mehrfach ihre geliebte Großmutter treffen. Die war in Moskau geblieben. Und warum Rom als Lebensmittelpunkt von Elias Fontana? Sicher nicht, weil die Anti-Psychiatrie Wurzeln in Italien hat. Es geht um Mythen und Mysterien als Urgrund der Literaturwelt. Den Urgrund der Pschoanalyse, die Kraft des Unbewussten, darf man mitdenken. Die Dottoressa spiegelt auf ihre Art das Elend der ritualisierten Therapie wider. Der “Zauberberg” hülfe Eli womöglich mehr als diese Künstliche Empathie in Menschengestalt.
Anders die Tochter, anders Vera, die Leitfigur einer weiteren gelesenen Passage. Sie lebt ihr Leben. Und sagt (angeblich) nach der Premiere des Vaterfilms: “Ich weiß nicht, was das soll.” Lippenlesen? Oder sagt Papa das einfach mal so? Selbst in Deutschland beruflich mit Gedenkstättenpädgogik befasst und dem Vater schon früh “entrissen”, öffnet sich mit ihr ein weiteres Kapitel Welt- und Familiengeschichte. “Alles großartig verdichtet”, wie Nadine Kreuzahler sagt. Am Ende weiß man, woran es ein wenig mangelt, nimmt man Elias Fontanas eigene Worte als Denkzettel: “Wir brauchen Illusionen, Humor und Ironie.” Weitersagen!
Und der Satz, die Zeile zu viel? Vielleicht das “bla, bla” auf Seite 141, Zeile 17? “Ich rede mit der Brandung, bla, bla.” Wie blöd ist das denn! Einfach mal lesen, alles, auch wenn es nicht einfach ist, tiefer zu gehen als Eli, wenn man kaum mehr weiß, als er sagt. Immerhin sagt er, was die Schauspielerin angeblich gesagt hat, die Vera, die Tote, die Selbstmörderin: “Was hätte ich alles spielen können!” Die lesenden Menschen – wieder so ein Trick – werden ja am “Goldstrand” der Literatur auch mehrfach gefragt, wie jetzt und hier: “Wie geht es Ihnen heute?” Besser?

